Deutsches Olympia-Team enttäuscht: Zu viele vierte Plätze belasten Bilanz
Die Bilanz des deutschen Olympia-Teams bei den Winterspielen in Italien wird von einer Serie knapp verpasster Medaillen überschattet. Immer wieder reichte es nur für den vierten Platz statt für Edelmetall, was die Stimmung im Team deutlich trübte. Chef de Mission Olaf Tabor beschrieb seine Gefühlswelt diplomatisch mit „Freude, Stolz und einer kleinen Prise Ernüchterung“.
„Das schmerzt“: Viele knappe Niederlagen
„Das schmerzt deswegen, weil es irgendwo zwischen Drama und Tragödie abgelaufen ist“, sagte Tabor zur schwarzen Serie der geplatzten Medaillenträume. Als Symbolbild für die deutschen Olympia-Tage wirkte die Szene, in der das arg gerupfte Biathlon-Team dem traurigen Philipp Horn für Platz vier im Männer-Massenstart eine selbstgebastelte Plakette aus Pappe mit der Aufschrift „Sieger der Herzen“ umhängte.
Das deutsche Team verfehlte klar das vorgegebene Ziel, unter die Top Drei im Länder-Klassement zu kommen. Norwegen dominierte erneut an der Spitze, neben den USA und den Niederlanden profitierte auch Gastgeber Italien kräftig vom Heimvorteil. Tabor stellte fest, dass andere Top-Nationen „mit ihrem Medaillenpotenzial offenbar sorgsamer umgehen und da, wo es Chancen gibt, diese öfter in Edelmetall ummünzen“.
Eiskanal als einzige verlässliche Domäne
Fast drei Viertel der deutschen Medaillen wurden im Cortina Sliding Centre von Rodlern, Skeleton-Fahrern und Bobpiloten gewonnen. Julia Taubitz und Max Langenhan eroberten Einzel-Gold im Rodeln, in der Staffel verhalfen sie den Doppelsitzern Tobias Wendl und Tobias Arlt zum siebten Olympiasieg ihrer Karriere – ein deutscher Winter-Rekord. Johannes Lochner legte im Bob eindrucksvoll das Image des ewigen Zweiten ab, Laura Nolte triumphierte wie schon in Peking im Zweier-Schlitten.
„Es ist eine beruhigende Nachricht, dass wir eine Domäne haben mit der Eisbahn“, sagte Tabor. Der Eiskanal sei „unser Rückgrat im Winter“. Doch ARD-Experte Felix Neureuther urteilte deutlich härter: „Wenn man den Eiskanal mal ausgrenzt und den Medaillenspiegel betrachtet, dann spielen wir international einfach keine Rolle mehr.“ Er bezeichnete die Situation des deutschen Leistungssports als „alarmierend“.
Lichtblicke abseits der Eisrinne
Abseits der Eisrinne konnten nur zwei Deutsche die Konkurrenz distanzieren: Skispringer Philipp Raimund gewann überraschend von der Normalschanze, Skicrosserin Daniela Maier triumphierte hochverdient. Zweimal nur um wenige Hundertstelsekunden verpasste der neue Alpin-Star Emma Aicher Gold, ihr könnte die Ski-Zukunft gehören.
Doch ansonsten hielten sich die positiven Ausreißer im deutschen Team in engen Grenzen. Die Fehlschüsse von Biathletin Franziska Preuß, das Slalom-Drama von Lena Dürr, das ernüchternde Viertelfinal-Aus der Eishockey-Cracks um Leon Draisaitl – kaum ein Tag verging ohne große Enttäuschungen.
Strukturelle Probleme und Reformstockung
„Wir haben in Deutschland nicht mehr die erforderlichen Strukturen, um international erfolgreich zu sein“, warnte Ex-Skirennfahrer Neureuther. Einstige Medaillengaranten wie die Biathleten liefern kaum mehr, die erfolglosen Kombinierer bangen um ihre olympische Zukunft, die Eisschnellläufer versinken in internen Verbandsquerelen.
Wie schon nach den enttäuschenden Sommerspielen in Paris richten sich die Hoffnungen auf die seit langem stockende Spitzensportreform. Eine unabhängige Agentur soll künftig über die Verteilung der Steuermillionen entscheiden und den deutschen Spitzensport effizienter machen. Doch hinter den Kulissen kommt das Gesetzesvorhaben nur langsam voran, Politik und Sport streiten um Posten und Machtverteilung.
„Ich kann Ihnen schon jetzt prognostizieren, dass bei den Winterspielen 2030 in Frankreich der nächste Tiefpunkt erreicht wird“, warnte Neureuther in der „Bild am Sonntag“. Die angestrebte Olympia-Bewerbung, in deren Sog der deutsche Sport auf einen Aufschwung hofft, bleibt vorerst eine Wette auf die Zukunft.



