Pogacar triumphiert endlich bei Mailand-Sanremo: Ein Monument für den Rad-Weltmeister
All die Enttäuschungen und verpassten Chancen der vergangenen Jahre waren mit einem Schlag vergessen, als Tadej Pogacar am späten Abend zur improvisierten Siegesfeier am Mannschaftsbus rollte. Der slowenische Rad-Weltmeister hat endlich den schweren Frühjahrsklassiker Mailand-Sanremo gewonnen und damit eine der letzten großen Lücken in seiner außergewöhnlichen Erfolgsbilanz geschlossen.
„Es hat sich gelohnt, solange dafür zu kämpfen und so hart zu arbeiten. Es ist einer der größten Erfolge meines Lebens“, sagte der sichtlich erleichterte Pogacar nach seinem lang ersehnten Triumph auf der Via Roma in Sanremo.
Internationale Begeisterung und Merckx' Lob
Die internationale Sportpresse überschlug sich vor Begeisterung. Die italienische „Gazzetta dello Sport“ feierte einen „monumentalen Pogacar“, während die französische „L'Equipe“ den Slowenen nach einem Rennen für die Geschichtsbücher als „den Größten“ bezeichnete. Sogar Radlegende Eddy Merckx, der selbst siebenmal bei der Classicissima triumphierte, ließ es sich nicht nehmen, aus Belgien zu gratulieren.
„Großartig. Beeindruckend. Er hat mich sprachlos gemacht. Es wurde auch Zeit, dass er endlich mal Sanremo gewinnt“, sagte der Rekordhalter der Monumente-Siege gegenüber der „Gazzetta“.
Dramatischer Rennverlauf mit Sturz und Rekordjagd
Pogacars Weg zum Sieg war alles andere als einfach. Der viermalige Tour-de-France-Sieger hatte sich akribisch vorbereitet und war im Training immer wieder die gut 50 Kilometer von seinem Wohnort Monaco zu den Schlüsselstellen des Rennens gefahren. Doch im Rennen selbst wählte er die verrückteste Variante.
32,6 Kilometer vor dem Ziel stürzte Pogacar bei einem Tempo von 50 Stundenkilometern. „Es war der längste Rutscher meines Lebens. Ich dachte für eine Sekunde, alles ist vorbei“, berichtete der Slowene später. Doch statt aufzugeben, rappelte er sich auf und startete mit zerfetztem Regenbogen-Dress eine beeindruckende Aufholjagd.
Mit viel Adrenalin kämpfte er sich zurück ins Feld und rauschte wenige Minuten nach dem Crash den vorletzten Anstieg, die Cipressa, in der Rekordzeit von 8:47 Minuten hinauf. Im Finale auf der Via Roma benötigte er dann einen Kraftakt im Zentimeter-Sprint gegen den britischen Mountainbike-Olympiasieger Thomas Pidcock.
Emotionale Momente und historische Bedeutung
Seine Lebensgefährtin Urska Zigart hatte nach dem Coup Tränen in den Augen, und Pogacars befreundeter Formel-1-Profi Carlos Sainz gehörte auf dem Podium zu den ersten Gratulanten. Teamchef Mauro Gianetti berichtete: „Tadej hat so viel Herzblut in dieses Rennen gesteckt, es ist unbeschreiblich. All die Tage hat er an nichts anderes gedacht.“
Mit diesem Sieg hat der 27-jährige Slowene nun vier der fünf Radsport-Monumente gewonnen. Insgesamt war es bereits sein elfter Triumph bei einem der wichtigsten Eintagesklassiker. Nur Eddy Merckx mit 19 Monumente-Siegen steht noch vor ihm in der historischen Rangliste.
Ausblick auf Paris-Roubaix und Verkehrsprobleme
Was Pogacar noch fehlt, ist ein Sieg in der Hölle des Nordens bei Paris-Roubaix. In drei Wochen könnte der Slowene auch diese Rechnung begleichen. „Es ist jetzt klar, dass er keine Grenzen kennt“, sagte Merckx und erinnerte an das vergangene Jahr, als eine Unachtsamkeit auf dem Kopfsteinpflaster Pogacar um ein Finale gegen Klassiker-König Mathieu van der Poel gebracht hatte.
Der niederländische Ex-Weltmeister wurde dieses Mal in Sanremo nicht zum Spielverderber, nachdem er in den vergangenen drei Jahren zweimal gewonnen hatte. Van der Poel war bei dem Pogacar-Sturz in Mitleidenschaft gezogen worden und hatte sich an der Hand verletzt, sodass er am letzten Anstieg, dem Poggio, abreißen lassen musste.
Beim sechsten Start hat es für Pogacar nun endlich geklappt. Ob er ein siebtes Mal bei dem fast 300 Kilometer langen Rennen starten wird, ließ er offen. „Wenn ich nach Sanremo zurückkomme, dann nur, um Focaccia zu essen“, scherzte Pogacar und blickte auf die vielen Trainingsabstecher nach Italien zurück: „Man riskiert jedes Mal sein Leben, denn der Verkehr auf italienischen Straßen ist etwas kriminell, auch wenn ich niemanden beleidigen möchte.“
Gut, dass er in den nächsten Wochen Abwechslung auf den mittelalterlichen Feldwegen in Nordfrankreich bekommt, wo Paris-Roubaix auf ihn wartet.



