IOC-Präsidentin Coventry: Tränen, Regeln und die Zukunft des Sports
Coventrys erste Krise: Tränen und Reformen beim IOC

Emotionale Feuertaufe für die erste IOC-Präsidentin

Im ersten großen Krisenmoment ihrer Amtszeit zeigte sich Kirsty Coventry alles andere als unerschütterlich. Die Stimme der IOC-Präsidentin stockte, ihre Augen wurden feucht, als sie den Ausschluss des ukrainischen Skeleton-Athleten Wladislaw Heraskewytsch von den olympischen Rennen erklären musste. Nur einen Tag nach diesem emotionalen Ausbruch hatte sich die 42-Jährige jedoch wieder gefasst und antwortete fast heiter auf die Frage nach der schweren Bürde ihres Amtes: „Das ist ein Job, den nur eine Frau machen kann.“

Die Regeln und die Realität

Die heftige Kontroverse um den verbotenen Helm von Heraskewytsch, der Bilder von im Krieg gegen Russland getöteten Sportkollegen zeigte, rückte Coventry unvermittelt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Bei ihrer Olympia-Premiere als Nachfolgerin von Thomas Bach erlebt die frühere Weltklasse-Schwimmerin aus Simbabwe ihre Feuertaufe ausgerechnet bei einem ihrer Herzensthemen. Als Vorsitzende der IOC-Athletenkommission hatte sie maßgeblich die Weiterentwicklung des Regelrahmens für Meinungsäußerungen von Sportlern bei Olympia beeinflusst.

„Die Regeln sind die Regeln, und ich glaube an diese Regeln. Ich halte diese Richtlinien für sehr gut“, konterte die Mutter von zwei Töchtern den Sturm der Entrüstung über die Disqualifikation. Im Kontrast zu ihrem oft kühl-distanzierten Mentor Bach erlaubte sich Coventry in der Drucksituation von Cortina d'Ampezzo jedoch emotionale Augenblicke in der Öffentlichkeit. Dem tagelangen Ringen um einen Kompromiss hinter den Kulissen gab die zweimalige Olympiasiegerin mit ihren Tränen ein Gesicht.

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Russland und die olympische Familie

Der Umgang mit Russlands Angriffskrieg in der Ukraine bleibt eines der brisantesten Themen, das Coventry von Bach übernommen hat. „Wir verstehen etwas von Politik, und wir wissen, dass wir nicht in einem Vakuum operieren. Aber unser Spiel ist der Sport“, sagte die Präsidentin kurz vor Beginn der Winterspiele in Italien. Dass sie immer wieder die Neutralität der Sportplätze betont, nährt die Erwartung, dass auch Russland bald wieder vollwertiges Mitglied der olympischen Gemeinde werden könnte.

Derzeit ist Russlands Olympisches Komitee suspendiert, weil es die vier annektierten ukrainischen Gebiete Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja aufgenommen hatte. Die 13 russischen Teilnehmer der Winterspiele müssen daher unter neutraler Flagge starten. Es gilt jedoch als offenes Geheimnis, dass Fußball-Weltverbandschef Gianni Infantino mit seinem Ruf nach einer Wiederzulassung russischer Mannschaften im IOC keineswegs allein ist.

Zukunft des olympischen Programms

Die erste Präsidentin in der fast 132-jährigen IOC-Geschichte hat der Dachorganisation mit ihrem Start einen Prozess von „Innehalten und Nachdenken“ verordnet. Entwickeln will sie ein Programm unter der Überschrift „Fit für die Zukunft“. Erste Ergebnisse könnte sie bei einer außerordentlichen Generalversammlung im Juni vorlegen.

Bei den Winterspielen wird intensiv über eine mögliche Neuordnung des olympischen Programms diskutiert:

  • Die Nordische Kombination bangt um ihren olympischen Platz
  • Im Sommer ist der Moderne Fünfkampf einer der Streichkandidaten
  • Nicht ausgeschlossen scheint, dass künftig Hallensportarten aus dem Sommerprogramm in den Winter wechseln
  • Ziel ist es, Platz für neue Sportarten für ein junges Publikum zu schaffen

Herausforderungen auf der To-do-Liste

„Wir werden vor schwierigen Entscheidungen und Gesprächen stehen – das gehört zum Wandel dazu“, sagte Coventry in einer Grundsatzrede in Mailand. Sie hat den IOC-Mitgliedern wieder mehr Mitsprache versprochen als noch unter der Führung von Bach. Auch beim zuletzt intransparenten Prozess der Vergabe Olympischer Spiele kündigte die Präsidentin Neuerungen an.

Auf Coventrys Agenda stehen weitere Herausforderungen:

  1. Der Schutz der Frauen-Kategorie nach der Geschlechter-Debatte um die Algerierin Imane Khelif bei Olympia 2024 in Paris
  2. Die Zusammenarbeit mit US-Präsident Donald Trump als Gastgeber der Sommerspiele 2028 in Los Angeles
  3. Die mögliche deutsche Bewerbung für Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 durch Berlin, München, Hamburg oder die Rhein-Ruhr-Region

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Zwischen Tränen und Reformplänen, zwischen harten Regeln und politischen Realitäten muss Kirsty Coventry ihren Weg als erste Frau an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees finden. Ihre Feuertaufe in Cortina d'Ampezzo war nur der Anfang einer Amtszeit, die von unbequemen Entscheidungen und tiefgreifenden Veränderungen geprägt sein wird.