Emotionale Szenen nach Disqualifikation: Ukrainischer Skeleton-Pilot will vor Sportgericht
Mit sichtlich bewegter Stimme und Tränen in den Augen hat IOC-Präsidentin Kirsty Coventry das Scheitern der Verhandlungen mit dem ukrainischen Skeleton-Piloten Wladislaw Heraskewytsch eingestanden. Der Athlet war vom olympischen Wettbewerb ausgeschlossen worden, nachdem er sich geweigert hatte, auf seinen speziellen Kopfschutz zu verzichten, der Bilder von im Krieg getöteten ukrainischen Sportkollegen zeigt.
„Es war ein emotionaler Morgen“ – Coventrys bewegende Worte
„Leider sind wir nicht zu einer Lösung gekommen. Ich wollte ihn wirklich heute im Rennen sehen. Es war ein emotionaler Morgen“, erklärte die Chefin des Internationalen Olympischen Komitees in einer Pressekonferenz. Coventry betonte dabei mehrfach, dass niemand die Botschaft des Gedenkens ablehne. „Sie ist kraftvoll. Sie ist eine Botschaft des Gedenkens, eine Botschaft der Erinnerung, und niemand lehnt das ab.“
Die Herausforderung habe jedoch darin bestanden, eine Lösung speziell für die Wettkampfstätte zu finden. Coventry hatte noch in letzter Minute an der Olympia-Bahn versucht, Heraskewytsch umzustimmen, doch der Ukrainer blieb bei seiner Position.
Helm als Hommage an getötete Sportler
Der umstrittene Helm zeigt Porträts von etwa 20 Athletinnen und Athleten, die bei russischen Angriffen ums Leben gekommen sind. Heraskewytsch bezeichnete ihn als „Hommage an Athleten, und einige von ihnen waren Medaillengewinner bei den Olympischen Jugendspielen. Das bedeutet, sie gehören zur olympischen Familie.“
Der Skeleton-Pilot äußerte sich tief enttäuscht über die Entscheidung des Weltverbands IBSF: „Es ist schwer, etwas zu sagen oder es in Worte zu fassen. Es ist Leere.“ Er betonte, keine Regeln verletzt zu haben und kündigte an, vor den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) zu ziehen. „Wir werden einen Fall für den Cas vorbereiten“, erklärte er im ZDF-Interview.
IOC bot Alternativen an
IOC-Sprecher Mark Adams erläuterte, dass Heraskewytsch mehrere Möglichkeiten geboten worden seien. Der Athlet habe in Trainingsläufen mit dem Helm fahren dürfen und es sei ihm angeboten worden, einen schwarzen Trauerflor am Arm zu tragen. Zudem hätte er den Helm im Medienbereich zeigen und sein Anliegen erklären dürfen.
„Nur für die eine Minute des Wettbewerbs hatten wir ihn gebeten, es nicht zu tun“, so Adams. Er verwies auf den Regelrahmen für politische Äußerungen, der nach Rückmeldung von rund 3500 Sportlern entwickelt worden sei. „Es geht nicht um die Botschaft, es geht um die Unantastbarkeit des Spielfelds.“
Akkreditierung zurückgegeben – aber kein Start
Trotz der Disqualifikation darf Heraskewytsch seine Akkreditierung für die Winterspiele in Italien behalten. Die Disziplinarkommission des IOC habe auf Antrag von Präsidentin Coventry den vorherigen Entzug der Zugangsberechtigung zurückgenommen. Damit kann sich der Ukrainer weiter in besonderen Bereichen wie dem olympischen Dorf aufhalten, auch wenn er nicht an Wettkämpfen teilnehmen kann.
Diese Entscheidung erfolgte als Ausnahme nach einer „sehr respektvollen Unterhaltung“ zwischen Heraskewytsch und Coventry. Adams betonte, dass die Ad-hoc-Kommission des Cas bei den Winterspielen jederzeit kurzfristig zusammentreten könne, sollte Heraskewytsch offiziell Einspruch einlegen.
Ukrainische Reaktionen: Empörung und Solidarität
Die ukrainische Regierung reagierte mit scharfer Kritik auf den Ausschluss. Außenminister Andrij Sybiha schrieb auf der Plattform X: „Das Internationale Olympische Komitee hat nicht den ukrainischen Athleten gesperrt, sondern seinen eigenen Ruf. Zukünftige Generationen werden dies als einen Moment der Schande in Erinnerung behalten.“
Sybiha zufolge sind seit Beginn der russischen Invasion 2022 bereits 650 ukrainische Sportler und Trainer getötet und 800 Sporteinrichtungen beschädigt worden. „Es sind die Russen, die gesperrt werden müssen, nicht die Erinnerung an ihre Opfer“, betonte der Außenminister.
Auch das Nationale Olympische Komitee der Ukraine zeigte sich solidarisch: „Heute startete Wladyslaw nicht, doch er war nicht allein – mit ihm ist und wird die gesamte Ukraine sein.“ Wenn ein Sportler für „Wahrheit, Ehre und Erinnerung“ eintrete, dann sei das bereits der Sieg.
Persönliche Haltung des Athleten
Heraskewytsch, der nicht zum Kreis der Topfavoriten im Skeleton gehörte, hatte zuvor deutlich gemacht, dass ihm der sportliche Erfolg nicht über alles gehe. „Eine Medaille ist wertlos im Vergleich zu Menschenleben und der Erinnerung an diese Athleten“, erklärte er. Zuspruch erhielt er nicht nur von der ukrainischen Delegation, sondern auch von Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Während am späten Vormittag bereits der zweite von vier Durchgängen im Skeleton-Wettbewerb lief, bereitete Heraskewytsch seinen Rechtsweg vor. Ob er nachträglich noch starten könnte, sollte der Cas zu seinen Gunsten entscheiden, liegt in der Hand des zuständigen Weltverbands.



