Der Sommer 1986 war heiß und mein Taschengeld-Grab. Mit 40 Jahren Nachspielzeit ist er für mich endlich abgepfiffen. Viele erinnern sich an ihren ersten Kuss, ihr erstes Auto. Ich erinnere mich an Aufkleber Nummer 119. Die Fußball-WM in Mexiko lief, Maradona verzauberte die Welt – und ich war verloren. Verloren an eine Sucht, die damals harmlos aussah: Panini.
Plötzlich kamen die Panini-Bilder
BILD-Reporter Sven Kuschel (damals 7) im Sommer 1986. Für ein Fußballtrikot reichte das Taschengeld nicht. Jeder Groschen (10 Pfennig) wurde in Panini-Bilder investiert. Tschernobyl hatte dafür gesorgt, dass plötzlich vieles anders war. Keine Schulmilch mehr. Keine kleinen Flaggenaufkleber der WM-Nationen auf den Kakaotüten. Stattdessen kam etwas Neues. Mein erstes Panini-Album. Mexiko86. 427 Bilder auf 48 Seiten. Ich hatte sie alle, FAST alle.
Verdammte Lücke!
Sie stellte die ganze Sammelei auf den Kopf. 40 Jahre lang fehlte die 119 im Mexiko86-Album. Der Schulhof wurde zur Tauschbörse. Noch heute kenne ich viele Nummern auswendig. Die Stars, die Ersatzspieler, die Schönen und die Grummeligen. Ich wusste, wer der Jüngste war und wer der Älteste. Dieses Album war mehr als Papier und Kleber. Es war Kindheit. Es soll sogar schlauer machen, behaupten Neurowissenschaftler, weil man sich so viele Daten und Gesichter merken muss. Immer wenn ich vier, später fünf Groschen (10-Pfennig-Stücke) zusammengekratzt hatte, ging es zum Kiosk. Kein Eis. Keine gemischte Tüte. Kein anderer Luxus. Nur diese Tütchen. Das Rascheln. Das Aufreißen. Dieser unverwechselbare Geruch der Rückseiten-Klebe. Puls hoch und genau checken: „Hab’ ich. Hab’ ich. Hab’ ich nicht …“ Der Schulhof wurde zur Börse. Sechs Brasilianer gegen zwei Deutsche. Ein Panini-Platini gegen zwei Verteidiger. Harald Schumacher hatte ich am Ende zwölfmal.
Das Einkleben: mit zitternden Fingern
Bloß nicht schief. Bloß keine Ecke umknicken. Als die WM vorbei war und Schumacher nur eine Fußspitze beim 2:3 gegen Argentinien gefehlt hatte, fehlten mir nur noch 13 Bilder. Nur 13. Die konnte man nachbestellen. 30 Pfennig pro Sticker. Ich setzte mich hin, schrieb sorgfältig alle Nummern auf den Bestellschein und wartete. Wochenlang. Als der Umschlag endlich kam, riss ich ihn auf – wie ein Weihnachtsgeschenk. Zwölf Treffer. Einmal knapp daneben. Aber doch voll vorbei. Eigentor! Statt der Nummer 119, dem Mexikaner Carlos Muñoz, lag die 118 im Umschlag. Irgendwo hatte ich die Neun zu schlampig geschrieben. Ein winziger Fehler. Großer Mist! Mein Album blieb ein Albtraum.
Das ist die Panini-Regel
Vielleicht entstand in diesem Moment meine ganz persönliche Panini-Regel: Das erste Sticker-Album ist wie Fallschirmspringen – nur umgekehrt. Wer zum ersten Mal springt und den Schirm nicht aufbekommt, springt nie wieder. Wer sein erstes Album nicht zubekommt, schafft danach nie eins. Ich sammelte weiter. EM 1988, WM 1990. Neue Hoffnung, neue Sticker, neue Berge von Doppelten. Immer hörte ich kurz vor dem Abpfiff auf. Das Trauma klebte fester als jeder Panini-Sticker. Vier Jahrzehnte lang. Bis jetzt.
Das fehlende Bild kommt 40 Jahre später
Sicher verpackt im Päckchen für 4,90 Euro Porto. Bald ist wieder WM (auch) in Mexiko. Da muss doch noch etwas gehen! Ich durchforstete Foren und schaute beim Milliarden-Imperium Panini. 119 gibt es nicht mehr als Nachbesteller. Die Italiener mauern wie einst Giuseppe Bergomi, übrigens die Nummer 39 im Heft. Doch bei einem Sammler aus NRW: der Treffer. Er hatte die Nummer 119. Mein Carlos Muñoz. 3,50 Euro für das Bild. 4,90 Euro Versand. Das wären früher fast 40 Tüten gewesen.
Fußball-Legende hilft beim letzten Sticker
Kult-Kommentator Marcel Reif (76) stellte sich spontan zur Verfügung und vollendete das Panini-Album von BILD-Reporter Sven Kuschel. Jetzt ist es reif fürs Museum. Nach 40 Jahren fühlt sich der Sticker besser als ein Pokal an. Für den letzten würdevollen Schritt brauchte es eine Legende. Zufallstreffer diesmal. Kult-Kommentator Marcel Reif (76, „Reif ist Live“) war gerade für eine Aufzeichnung bei BILD zu Gast. Der Mann, der 1986 bei seiner ersten WM für das ZDF am Mikrofon klebte, während ich um die Wette klebte. Er kennt die meisten Spieler von damals auch noch und noch mehr Geschichten und Fakten als ich. Naturtalent: Marcel Reif klebt das letzte fehlende Bild ins Album. Für das ZDF war der heutige „Reif ist Live“-Experte 1986 erstmals als Kommentator im Einsatz.
Da ist das Ding!
BILD-Reporter Sven Kuschel hat sein Panini-Album endlich zugemacht. Das erste Panini-Album ist fertig. Die Legende übernahm den entscheidenden Part. Das Bild vorsichtig abgezogen: Fußball-Fachmann eben. Ruhig. Präzise. Perfekt. Sitzt! Da ist das Ding! 40 Jahre „Fast geschafft“ – Ewigkeit. Mein erstes Panini-Album ist zu. Trauma erledigt. Mexiko 2026 (mit USA und Kanada) kann kommen. Wahrscheinlich gehe ich zur Fußball-Weltmeisterschaft wieder auf Sammeljagd. Die Kollegen warten schon auf Tauschpartner.



