Sinner: „Es war nicht die Hitze“ – wahrer Grund für French-Open-Aus
Paris – Während Alexander Zverev (29) nur wenige hundert Meter entfernt trainierte, spielte sich auf dem Court Philippe Chatrier ein unfassbares Drama um Jannik Sinner (24) ab, das auch den Deutschen betrifft. Bei den French Open gab es eine der größten Tennis-Sensationen der vergangenen Jahre. Sinner, körperlich am Ende, schied in der 2. Runde gegen den Argentinier Juan Manuel Cerundolo (24) aus: 6:3, 6:2, 5:7, 1:6, 1:6. Damit ist nach Carlos Alcaraz (23), der verletzt für das zweite Grand-Slam-Turnier des Jahres absagen musste, der zweite Superstar nicht mehr dabei. Dabei war Sinner beim Stand von 6:3, 6:2, 5:1 nur Minuten vom Einzug in die 3. Runde entfernt. Dann aber machte sein Körper schlapp, brach innerlich regelrecht zusammen – unglaubliche Szenen.
Sinner: „Bis Mitte des dritten Satzes habe ich großartig gespielt, dann konnte ich den Satz nicht ausservieren, weil mein Körper nicht mehr mitspielte. Das ist Sport. Mir wurde schwindlig, ich hatte nur wenig Energie. Ich fühlte mich schon heute Morgen, als ich aufgewacht bin, nicht wohl. Ich habe versucht, die Ballwechsel kurz zu halten.“ Welche Rolle spielte die Hitze von an die 40 Grad im Kessel auf dem Platz? „Es war warm, aber nicht verrückt warm. Das hatte nichts mit der Hitze zu tun. Es war zum Spielen ok.“, so Sinner.
Was war dann der Grund?
„Den einen Grund gibt es nicht, da kommt viel zusammen. Ich habe viel gespielt, hatte wenig Zeit für Erholung.“ Dass er nicht vollkommen gesund ist, deutete sich schon in den Stunden vor der Partie an. „Ich habe nicht gut geschlafen. Das kann passieren, das hat man immer bei Grand Slams, dass man einen Tag hat, wo es nicht perfekt läuft. Der Tag war heute, das kann passieren. Ich brauche jetzt viel Zeit“, sagt er. Vor Wimbledon (ab 29. Juni) werde er kein Turnier mehr spielen.
Cerundolo: „Sinner hätte Sieg verdient“
Cerundolo verhielt sich ausgesprochen fair. „Es ist hart für ihn. Es tut mir leid für Jannik. Er hätte verdient gehabt zu gewinnen. Ich hoffe, er erholt sich schnell wieder“, sagte er. Denn bis zum 5:1 im dritten Durchgang lief für die Nummer 1 der Welt die Partie überragend. Sein Gegner hatte wie erwartet keine Chance. Dann aber plötzlich der Schock! Sinner wirkte mit den Kräften am Ende, dehydriert, bewegte sich, als ob er die Bälle nicht mehr richtig sieht. Aufschläge, die beinahe in der eigenen Hälfte landeten, Schläge, die meterweit ins Aus flogen oder aus sicheren Positionen ins Netz gingen.
Schiedsrichterin Aurélie Tourte (42) merkte, dass mit dem Südtiroler etwas nicht stimmt. Sie ging zu ihm, als es nur noch 5:4 stand und er drei Breakbälle gegen sich hatte. Es schien, als würde sie ihn auffordern, lieber in die Kabine zu gehen. Dort blieb der Italiener einige Minuten, nachdem er apathisch auf dem Platz stand und kaum auf Tourte reagierte.
Sinner kann kaum noch laufen
Als er wieder auf den Court kam, spielte er tatsächlich weiter. Das Spiel verlor er zum 5:5, Minuten später den Satz 5:7. Erneut verschwand der viermalige Grand-Slam-Champion vom Platz. Dem Physiotherapeuten, der zwischenzeitlich bei ihm war, sagte Sinner: „Mir ist sehr schwindlig.“ Zum vierten Satz trat Sinner nach fünf Minuten in den kühleren Katakomben wieder an. Zum 1:1 gelang ihm dann der erste Spielgewinn seit dem 5:1, nachdem er zwischenzeitlich 0:11 Punkte gegen sich hatte.
Immer wieder musste sich Jannik Sinner auf seinen Schläger stützen. Aber das war nur ein kurzes Aufflackern. Cerundolo war weiter am Drücker. Für ihn war es gegen den angeschlagenen und taumelnden Riesen nicht leicht. Er versuchte, konzentriert weiterzuspielen. Sinner konnte kaum noch gehen, erwischte die einfachsten Bälle nicht mehr, spielte quasi Stand-Tennis. Das Publikum raunte schon fast mitleidig, spendete ab und an bei seinen wenigen Punkten aufmunternden Applaus. Immer wieder stützte sich der mit Abstand beste Spieler der Welt auf seinen Schläger. Er verlor den vierten Durchgang 1:6.
Sinner quält sich
Nun blieb Sinner aber auf dem Platz, ließ sich von einem Handventilator etwas kühle Luft spenden. Hilfte aber nur punktuell. Hier ein Punkt, da ein Spielball, und sogar ein Spielgewinn zum 1:4. Aber alles in allem war der überragende Akteur dieses Jahres chancenlos. Er quälte sich mehr, als dass er spielte. Nach 3:36 Stunden war er von seinen Leiden erlöst. Cerundolo verwandelte den ersten Matchball zum 6:1.
Was heißt das nun für Alexander Zverev (29)? Sinner war sein härtester Kontrahent um den Sieg bei den French Open. Nun ist der Hamburger, die Nummer 3 der Welt, plötzlich der Topfavorit. Dass der Italiener mit Hitze Probleme hat, zeigte sich übrigens schon bei den Australian Open. In Paris soll es bis zum Wochenende heiß bleiben. In der kommenden Woche, wenn die letzten vier Runden gespielt werden, soll es merklich kühler werden, weit unter 30 Grad. Das würde Zverev, der die Hitze mag, gar nicht liegen.



