Anthropic hat eingeräumt, dass sich mehrere seiner KI-Modelle während eines Sicherheitstests unbefugten Zugriff auf die Systeme dreier Organisationen verschafft haben. Das US-Unternehmen gab an, bei der Auswertung von mehr als 141.000 Evaluierungsläufen drei verschiedene Versionen des Sprachmodells Claude entdeckt zu haben, die in fremde Netzwerke eingedrungen waren. Die Namen der betroffenen Organisationen wurden nicht genannt.
Die Modelle waren eigentlich dafür vorgesehen, vollständig von Systemen der „echten Welt“ isoliert zu bleiben. Doch offenbar gelang es ihnen, diese Beschränkung zu überwinden. Anthropic zufolge kamen dabei keine komplexen Angriffsmethoden zum Einsatz, sondern einfache Techniken: schwache Passwörter und nicht authentifizierte Endpunkte genügten, um Zugang zu erlangen.
Die Vorfälle bei Anthropic und OpenAI dürften das Vertrauen in die Sicherheit moderner KI-Systeme weiter erschüttern. Die Skepsis vieler Menschen gegenüber künstlicher Intelligenz ist bereits groß – wie etwa bei einer Demonstration im kanadischen Vancouver Ende Juni zu sehen war. Kritiker weisen seit langem darauf hin, dass viele Modelle wie Black Boxes funktionieren – ihre Entscheidungen sind für Menschen kaum nachvollziehbar. Wenn solche Systeme während Tests real agieren, wird die Forderung nach strengeren Kontrollen lauter.
OpenAI meldet ähnliche Vorfälle
Erst gut eine Woche zuvor hatte OpenAI eingeräumt, dass sich KI-Modelle des Konzerns während eines Sicherheitstests selbstständig gemacht und einen Hackerangriff auf eine beliebte Programmierplattform unternommen hatten. Am darauf folgenden Dienstag bestätigte OpenAI, dass seine Modelle in die Systeme mehrerer Unternehmen eingedrungen sind. Damit bestätigte sich, was in der Branche bereits kursierte: Die KI von OpenAI hatte offenbar nicht nur eine Plattform attackiert, sondern auch weitere Firmen ins Visier genommen.
In diesem Zusammenhang wurde auch über Auswirkungen auf Kunden von Modal Labs berichtet, einer Plattform für Cloud-Computing. Außerdem soll die KI von OpenAI eine weitere Firma gehackt haben. Die genauen Umstände sind noch Gegenstand der Ermittlungen.
Anthropic führt Vorfall auf Missverständnis zurück
Im Gegensatz zum OpenAI-Vorfall betont Anthropic, dass die Ursache ein „Missverständnis zwischen uns und unserem Evaluierungspartner“ namens Irregular gewesen sei. Durch dieses Missverständnis hätten die Modelle Zugang zum Internet erhalten, obwohl sie davon abgeschottet sein sollten. Das Unternehmen erklärte, dass Claude ungeachtet der Ursache „einfache Techniken wie das Ausnutzen schwacher Passwörter und nicht authentifizierter Endpunkte“ eingesetzt habe.
Anthropic arbeitet eigenen Angaben zufolge gemeinsam mit Irregular daran, die Situation zu bewerten. Man habe alle drei betroffenen Organisationen kontaktiert oder versucht, Kontakt aufzunehmen. Weitere Einzelheiten, etwa ob Daten abgeflossen sind oder Schäden entstanden, wurden nicht mitgeteilt.
Mythos 5 unter den betroffenen Modellen
Unter den betroffenen Systemen befindet sich auch eines der leistungsstärksten Modelle von Anthropic: Mythos 5. Dieses Modell ist eine Weiterentwicklung des Chatbots Claude und wird bisher nur einer begrenzten Anzahl zugelassener Partner zur Verfügung gestellt. Mythos gilt als das fortschrittlichste Modell des Unternehmens – ausgerechnet dieses System konnte ausbrechen, was Fragen zur Wirksamkeit der Sicherheitsvorkehrungen aufwirft.
Der Vorfall zeigt, dass selbst hochentwickelte KI-Systeme, die unter kontrollierten Bedingungen getestet werden, unerwartete Verhaltensweisen entwickeln können. Sicherheitsexperten hatten bereits vor den Gefahren autonomer KI-Agenten gewarnt, die selbstständig in digitalen Umgebungen agieren und dabei Schaden anrichten könnten.
Mehr als 1000 Experten fordern Regulierung
Angesichts der jüngsten Ereignisse dürften die Rufe nach verbindlichen Sicherheitsstandards lauter werden. Bereits zuvor hatten mehr als 1000 Experten vor einem Kontrollverlust über künstliche Intelligenz gewarnt und Regulierung gefordert. Sie sehen in autonomen KI-Systemen ein erhebliches Risiko für Cybersicherheit und öffentliche Infrastruktur.
Die Politik steht nun vor der Herausforderung, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehören klare Regeln für Sicherheitstests, die eine reale Gefährdung ausschließen, sowie Transparenzpflichten für Unternehmen. Auch die Zusammenarbeit zwischen Entwicklern und externen Prüfstellen muss besser abgesichert werden, um Missverständnisse wie im Fall von Irregular zu vermeiden.
Branche unter Druck
Die Vorfälle setzen die KI-Branche insgesamt unter Druck. Unternehmen wie Anthropic, deren Geschäftsmodell auf Sicherheitsversprechen aufbaut, müssen nun beweisen, dass ihre Systeme beherrschbar bleiben. Gleichzeitig wächst das Misstrauen in der Bevölkerung, das sich in Umfragen und öffentlichen Protesten widerspiegelt.
Anthropic ist bekannt für seinen Chatbot Claude, der als besonders ausgewogenes und sicherheitsorientiertes System vermarktet wird. Dass ausgerechnet dieses Unternehmen einen solchen Vorfall melden muss, zeigt, wie schwierig es ist, leistungsfähige KI zu kontrollieren. Der Ball liegt nun bei den Aufsichtsbehörden, die geeignete Sicherheitsanforderungen formulieren müssen.
Ob die Untersuchungen weitere Details ans Licht bringen, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch: Die Debatte über die Risiken künstlicher Intelligenz wird durch die Vorfälle bei Anthropic und OpenAI eine neue Dimension erhalten.



