Papst Leo XIV. hat mit seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“ eine moralische Orientierungshilfe zum Thema Künstliche Intelligenz (KI) vorgelegt, die weit über die katholische Kirche hinaus Beachtung findet. In dem vor knapp einem Monat veröffentlichten Schreiben mit dem Untertitel „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ beschreibt der Papst sein Verständnis von KI, ihre Gefahren und ihr Potenzial. Die Enzyklika richtet sich nicht nur an die rund 1,4 Milliarden Katholiken weltweit, sondern auch an Atheisten und Vertreter progressiver Milieus, die die Kirche oft wegen ihrer vermeintlichen Rückwärtsgewandtheit ablehnen.
Inhalt und Struktur der Enzyklika
Die Enzyklika ist in mehrere Kapitel gegliedert. Das dritte Kapitel trägt den Titel „Technik und Herrschaft – die Größe der menschlichen Person im Angesicht der Versprechen der KI“, das vierte Kapitel „den Menschen in Zeiten des Wandels zu bewahren – Wahrheit, Arbeit, Freiheit“. Diese Zwischentitel greifen die aktuellen Sorgen vieler Menschen auf: die Angst vor einer Zukunft, die von einer mächtigen Technologie und einer Handvoll Entwickler bestimmt wird, sowie die Frage nach dem Platz des Menschlichen in dieser Zukunft.
Papst Leo XIV., der im Mai 2025 zum Papst gewählt wurde, nutzt selbst ein Smartphone und trägt eine Apple Watch. Er hat Mathematik und Philosophie studiert und ist mit 70 Jahren für einen Papst vergleichsweise jung. Sein Vorgänger Franziskus war 2025 im Alter von 88 Jahren gestorben. Leo hat KI von Beginn an ins Zentrum seines Pontifikats gestellt. Schon seine Namenswahl begründete er mit der bevorstehenden neuen industriellen Revolution durch KI, auf die er mit der katholischen Soziallehre antworten wolle. Er sieht sich in der Tradition von Papst Leo XIII., der 1891 die soziale Frage in den Mittelpunkt der katholischen Lehre rückte.
Moderne Sprache und klare Warnungen
Die Enzyklika ist in moderner, zugänglicher Sprache verfasst. Sie zitiert die Philosophin Hannah Arendt sowie die Fantasy-Buchreihe „Herr der Ringe“ und vermeidet übermäßig kirchliche Konzepte, die kirchenferne Leser abschrecken könnten. Leo erklärt KI so, dass auch Leser ohne technisches Vorwissen sie verstehen können. Er schreibt: „Moderne Künstliche Intelligenzen werden (…) eher ‚gezüchtet‘ als ‚gebaut‘: Die Entwickler entwerfen nicht jedes Detail direkt, sondern schaffen eine Architektur, auf der KI ‚wächst‘. Infolgedessen bleiben grundlegende wissenschaftliche Aspekte (…) derzeit unbekannt.“ Daraus ergebe sich die Notwendigkeit eines doppelten Vorgehens: einerseits die wissenschaftliche Forschung zu vertiefen, andererseits die „moralische und geistliche Unterscheidung“ zu üben.
Leo warnt davor, künstliche Intelligenzen mit menschlichen gleichzusetzen, und bezeichnet KI als „wertvolles Hilfsmittel, das Vorsicht erfordert“. Er hebt die Vorteile hervor: „Schnelligkeit und Einfachheit“, mit der KI-Modelle „Informationen, komplexe Analysen, Medieninhalte und konkrete Hilfestellungen“ liefern, und wie sie unser „Leben vereinfachen“. Doch er mahnt: „Sie können uns auch daran gewöhnen, zu viel zu delegieren und nach vorgefertigten Antworten zu suchen.“ Dies schwäche das persönliche Urteilsvermögen und die Kreativität.
Gesellschaftliche Relevanz und aktuelle Debatten
Die Enzyklika trifft auf eine gesellschaftliche Stimmung, die von Sorgen um die Auswirkungen der KI geprägt ist. So wurde kürzlich der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt bei einer Abschlussfeier an der University of Arizona ausgebuht, als er über KI und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft sprach. Viele Absolventen fürchten einen erschwerten Einstieg in den Arbeitsmarkt, da KI-Modelle typische Tätigkeiten von Berufsanfängern übernehmen. Eine Studie des Pew Research Center zeigt, dass rund die Hälfte der US-Amerikaner die zunehmende Verbreitung von KI in ihrem Alltag mit „mehr Sorge als Freude“ betrachtet.
Leo warnt davor, Effizienz zum obersten Maßstab zu erheben und die Menschlichkeit zu verlieren. Die Gefahr bestehe darin, eine „menschenfeindliche Anschauung“ als richtig und normal erscheinen zu lassen – eine „Anschauung, nach der die Fülle des Lebens darin besteht, mehr zu besitzen, Schwächen zu reduzieren, Unvorhergesehenes auszuschließen und alles unter Kontrolle zu haben“. Dieser Blick verleite den Menschen dazu, sich selbst als „ein zu optimierendes Projekt zu betrachten und nicht als ein Geschöpf, das zu Beziehung und Gemeinschaft berufen ist“. Letztlich gehe es um die Frage, ob KI einen Fortschritt bringe, der „den Menschen und den Völkern dient“, oder einen Fortschritt, der sie „einer Logik der Macht unterwirft“.
Forderungen an die Politik
Papst Leo fordert die Politik auf, „dort zu bremsen, wo alles immer schneller wird, und die Räume zu schützen, in denen Gemeinschaften noch mitwirken“ können. Zur Veranschaulichung nutzt er zwei biblische Geschichten: den Turmbau zu Babel, bei dem die Menschlichkeit im Prozess verloren ging, und den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem, der als gemeinschaftliches Projekt durch die Vielfältigkeit der Beteiligten ein Erfolg wurde.
In der Enzyklika findet sich auch eine Erklärung für das schale Gefühl, das bei Zuhörern entsteht, wenn Politiker wie Digitalminister Karsten Wildberger Reden und Meinungsbeiträge von KI erstellen lassen: „Wenn Worte simuliert werden, entsteht keine Beziehung, sondern nur der Anschein einer solchen“, schreibt Leo. Er betont die Notwendigkeit sozialer Gerechtigkeit: „Wenn wir von Gerechtigkeit sprechen, müssen wir die Machtverhältnisse hinterfragen, die bestimmen, wer die Modelle trainieren darf und wer lediglich als Trainingsobjekt dient. Wir müssen erkennen, dass soziale Gerechtigkeit nicht nur ein schützenswertes Ziel ist, nachdem eine Technologie eingeführt worden ist, sondern eine Vorbedingung, die bereits bei deren Konzeption berücksichtigt werden muss.“
Ein Kompass für den Umgang mit KI
Die Enzyklika enthält Maximalforderungen, die dem Ruf nach Weltfrieden ähneln. Doch so unrealistisch beide in der unmittelbaren Umsetzung sein mögen, so relevant ist es doch, Ideale als Kompass für tägliches Handeln zu bewahren. Leos Schrift bietet eine Antwort auf die Frage, wie Menschlichkeit in Zeiten Künstlicher Intelligenz bewahrt werden kann: indem der Mensch im Zentrum einer Entwicklung steht, die gemeinschaftlich stattfindet und reflektiert wird – und nicht, indem Menschen der KI bestmöglich zuarbeiten, um effizienteste Ergebnisse zu erzielen.



