Studie: 80 Prozent der Landbevölkerung fielen nach LPG-Auflösung ins Nichts
80 Prozent der Landbevölkerung fielen nach LPG-Auflösung ins Nichts

Studie enthüllt: Das Nichts nach der LPG-Auflösung

Die Auflösung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) nach 1989 stürzte 80 Prozent der ländlichen Bevölkerung in Ostdeutschland ins Nichts. Das belegt eine aktuelle Studie der Hochschule Neubrandenburg, die jetzt ihre Ergebnisse vorgestellt hat. Professor Dr. Theodor Fock und sein Forschungsteam untersuchten die tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen dieses historischen Umbruchs.

Ein Vakuum in den Dörfern

Vor dem Mauerfall waren 50 Prozent der Dorfbevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt – in fast jeder Familie mindestens ein Mitglied. „80 Prozent der Menschen im ländlichen Raum sind ins Nichts gefallen. Die LPGs hinterließen ein Vakuum in den Dörfern“, erklärt Professor Fock. Der radikale Abbau von Arbeitsplätzen traf die Menschen unvorbereitet und traf besonders Frauen hart, die oft zuerst in die Arbeitslosigkeit geschickt wurden.

Die LPGs waren mehr als nur Arbeitgeber: Sie organisierten Feste, betrieben Kindergärten und bildeten das soziale Rückgrat der Gemeinden. Ihr plötzliches Verschwinden hatte gravierende Auswirkungen auf das gesamte Leben. 50 Prozent der ehemaligen Beschäftigten wurden nie wieder ins Berufsleben integriert, während Ältere in den Vorruhestand gingen und Jüngere abwanderten.

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Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen als kurzfristige Rettung

Zunächst boten staatlich geförderte Beschäftigungsgesellschaften einen gewissen Schutz. „Für manche waren diese Gesellschaften zunächst ein Segen“, so Fock. Die Beschäftigten erhielten anfangs Tariflohn – eine vergleichsweise gute Situation in einer Zeit, in der außerhalb dieser Programme fast alle unterirdisch entlohnt wurden. Projekte wie das Slawendorf in Neustrelitz oder der Miniaturenpark in Neubrandenburg zeugen von dieser Phase.

Doch diese Maßnahmen wurden später zu Ein-Euro-Jobs degradiert und schließlich nahezu ganz abgeschafft. „Das war sicherlich ein Fehler. Man hätte das weiterbetreiben sollen, um die Leute aufzufangen“, kritisiert der Professor. Der soziale Zusammenhalt der LPG-Beschäftigten wurde nur zögerlich durch Vereine und Verbände ersetzt – ein Heilungsprozess, der mindestens eine Generation dauerte.

Paradox: Landwirtschaft gestärkt, Menschen geschwächt

Während die meisten Landwirtschaftsbeschäftigten vor den Trümmern ihrer Existenz standen, ging der Wirtschaftszweig selbst gestärkt aus der Transformation hervor. „Der Agrarsektor war ein Sonderfall“, erklärt Fock. Die LPGs gingen nicht in Treuhand-Besitz über, sondern konnten sich selbst privatisieren – ein Prozess, der Mitte der 90er Jahre abgeschlossen war.

Heute sind die meisten aus LPGs entstandenen Betriebe gut am Markt aufgestellt und in ostdeutscher Hand. Mit Betriebsgrößen von bis zu 1500 Hektar und mehr sind sie wettbewerbsfähig. Doch die Dörfer selbst sind nicht mehr landwirtschaftlich geprägt – nur noch fünf Prozent der Bevölkerung arbeiten in diesem Sektor.

Lehren für heutige Transformationsprozesse

Die Studie zeigt deutliche Parallelen zu aktuellen Herausforderungen. „Wir müssen uns ins Bewusstsein rufen, was das für Auswirkungen haben kann“, warnt Fock angesichts des aktuellen industriellen Umbaus in Deutschland. Die detaillierten Forschungsergebnisse, die in Zusammenarbeit mit dem Peco-Institut Berlin und der IG BAU entstanden, sollen in einer Schriftenreihe der Hans-Böckler-Stiftung veröffentlicht werden.

Die Untersuchung basiert auf umfangreicher Archivarbeit und Zeitzeugen-Interviews mit ehemaligen Führungskräften von Beschäftigungsgesellschaften in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen. Ein Forschungsprojekt, das nicht nur die Vergangenheit beleuchtet, sondern auch wertvolle Hinweise für gegenwärtige Strukturwandelprozesse liefert.

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