Das Ende einer Ära: Wie der Zusammenbruch der DDR-Landwirtschaft die Gesellschaft formte
Die Auflösung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften nach der politischen Wende 1989 hatte tiefgreifende Konsequenzen für etwa 80 Prozent der Bevölkerung in den ostdeutschen Regionen. Eine aktuelle Studie unter Leitung von Prof. Dr. Theodor Fock von der Hochschule Neubrandenburg beleuchtet diese gesellschaftlichen Umwälzungen und zieht Parallelen zu heutigen Transformationsprozessen.
Forschungsprojekt mit Zeitzeugen
Von 2021 bis 2024 untersuchten Wissenschaftler im Rahmen des Projekts „Wendezeiten – Einfluss und Strategien in der ostdeutschen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft“ die Auswirkungen der LPG-Auflösung. Gefördert von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung wurden nicht nur Archive gesichtet, sondern vor allem Zeitzeugen-Interviews mit ehemaligen Beschäftigten und Führungskräften aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen geführt.
„80 Prozent der Menschen im ländlichen Raum sind ins Nichts gefallen“, erklärt Prof. Dr. Theodor Fock. Vor der Wende waren etwa 50 Prozent der Dorfbevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt – in fast jeder Familie mindestens ein Mitglied. Der radikale Abbau dieser Arbeitsplätze hinterließ ein soziales Vakuum.
Sozialer Zusammenbruch und langsame Erholung
Die LPGs waren mehr als nur Arbeitgeber: Sie organisierten Feste, betrieben Kindergärten und bildeten das soziale Rückgrat der Dörfer. Ihre plötzliche Auflösung traf die Menschen unvorbereitet. Besonders Frauen wurden häufig in die Arbeitslosigkeit geschickt, mit der Begründung, sie sollten sich um den Haushalt kümmern.
Die Folgen waren gravierend:
- 50 Prozent der Betroffenen fanden nicht mehr zurück ins Berufsleben
- Ältere Beschäftigte gingen in den Vorruhestand
- Jüngere wanderten ab oder fanden nur vereinzelt Arbeit im Baubereich
- Umschulungen blieben oft erfolglos, da andere Branchen ebenfalls brachlagen
Erst zögerlich entstanden Vereine und Verbände, die den kollektiven Zusammenhalt der LPG-Beschäftigten ersetzten. „Mindestens eine Generation hat es gebraucht, bis sich alles normalisierte“, so Fock.
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen als kurzfristige Lösung
Beschäftigungsgesellschaften wie die Arbeitsfördergesellschaft Klockow in der Uckermark oder die Steg Ueckermünde boten zunächst einen gewissen Schutz. Die dort Beschäftigten erhielten Tariflohn – eine vergleichsweise gute Entlohnung in einer Zeit, in der außerhalb dieser Gesellschaften meist unterirdische Löhne gezahlt wurden.
Projekte wie das Slawendorf in Neustrelitz oder der Miniaturenpark in Neubrandenburg sind Zeugnisse dieser Arbeitsmaßnahmen. Doch als diese Förderungen zu Ein-Euro-Jobs degradiert und schließlich eingestellt wurden, war dies nach Ansicht von Fock „sicherlich ein Fehler“.
Paradoxer wirtschaftlicher Erfolg
Während die meisten Landwirtschaftsbeschäftigten vor den Trümmern ihrer Existenz standen, entwickelte sich der Agrarsektor selbst erstaunlich erfolgreich. Im Gegensatz zu anderen DDR-Industrien gingen die LPGs nicht in Treuhand-Besitz über, sondern konnten sich selbst privatisieren.
„Der Agrarsektor war ein Sonderfall“, erklärt Fock. „Die Umwandlung zur Marktwirtschaft erfolgte weitgehend in Eigenregie.“ Die entstandenen Betriebe mit Flächen bis zu 1500 Hektar und bis zu 40 Beschäftigten seien heute wettbewerbsfähig und mehrheitlich in ostdeutscher Hand.
Lehren für heutige Transformationsprozesse
Heute arbeiten nur noch etwa fünf Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Die einst das Dorfbild prägenden Ställe und Bürogebäude verschwinden allmählich. Doch die Erfahrungen aus der LPG-Auflösung bleiben relevant.
Fock sieht Parallelen zu aktuellen Herausforderungen: „Die Industrie ist im Umbau. Manche Modelle funktionieren nicht mehr. Wir müssen uns ins Bewusstsein rufen, was das für Auswirkungen haben kann.“ Die detaillierten Forschungsergebnisse sollen in einer Schriftenreihe veröffentlicht und im Herbst bei einer Diskussionsrunde in Neubrandenburg vorgestellt werden.



