Eisige Nächte, zähe Plagegeister: Was Landwirte im Frühjahr wirklich erwartet
Klirrende Kälte, gefrorene Böden und Raureif auf den Feldern – was nach natürlicher Schädlingsbekämpfung klingt, erweist sich oft als trügerische Hoffnung. Der weit verbreitete Glaube, dass ein strenger Winter Mücken, Wespen und landwirtschaftliche Schädlinge effektiv dezimiert, hält sich hartnäckig in der Bevölkerung. Doch die Realität zeigt ein deutlich komplexeres Bild, wie Experten des Pflanzenschutzdienstes betonen.
Schädlinge sind meisterhaft angepasst
„Die Schadinsekten sind hier heimisch und können sehr gut überwintern. Sie suchen sich einen Unterschlupf und sind im Frühjahr wieder da“, erklärt Marcus Hahn, Regionaldienstleiter des Pflanzenschutzdienstes in Schwerin. Eis, Schnee und Frost gehören für viele Arten zum gewohnten Jahreszyklus. Sie verkriechen sich geschickt im Boden, unter Pflanzenresten oder in anderen geschützten Ecken und warten geduldig auf wärmere Temperaturen.
Wann Frost und Eis tatsächlich zu viel für eine bestimmte Insektenart werden, lasse sich nicht pauschal sagen, betont Marcus Hahn mit Nachdruck. Aus diesem Grund beginnt jedes Jahr zwischen Februar und April die intensive Beobachtung auf den landwirtschaftlichen Flächen. Bei der sogenannten Schaderregerüberwachung wird unter anderem der Große Stängelrüssler im Raps genau kontrolliert. „Der Große Stängelrüssler benötigt zum Erwachen um die 10 Grad Celsius Lufttemperatur. Dann können wir schauen, wie er durch den Winter gekommen ist“, erläutert der Fachmann.
Standortbedingungen spielen entscheidende Rolle
Hinzu kommt die individuelle Lage eines jeden Feldes, die die Überwinterungschancen der Schädlinge maßgeblich beeinflusst. „Nicht jeder Standort ist gleich. So taut die Schneedecke in Südhanglagen, die bestenfalls noch geschützt sind, deutlich schneller als an anderen Orten. Es ist keine pauschale Angabe zur Überwinterung von Schadinsekten möglich“, unterstreicht der Regionaldienstleiter des Pflanzenschutzdienstes in Schwerin. Diese lokalen Unterschiede machen allgemeine Vorhersagen nahezu unmöglich.
Paradoxerweise können Schädlinge unter bestimmten Umständen sogar von strengem Frost profitieren. „Denn bei milden Wintern ohne Frost haben Pilze leichtes Spiel. Dann kommt es vermehrt zu Schäden an den Pflanzen und auch die Schadinsekten werden eher von Pilzen befallen“, gibt der Experte zu bedenken. Ein kalter Winter allein sei daher kein verlässlicher Schädlingskiller: Viele Arten überdauern geschützt im Boden, in Pflanzenresten oder als Eier und Larven und sind nach wenigen warmen Frühlingstagen wieder aktiv, weil Schnee und Frost sie kaum dezimieren – selbst nach wochenlangen Minusgraden.
Der Winter als bloßer Indikator
Aus Sicht des Pflanzenschutzdienstes ist der Winter für die Landwirtschaft kein verlässlicher Schädlingsvernichter, sondern eher ein Prüfstand, dessen Ergebnis sich erst im Frühjahr vollständig zeigt. Entscheidend für das spätere Schädlingsaufkommen seien oft die Bedingungen im Frühjahr und Sommer: wie früh es warm wird, wie konstant die Temperaturen sind oder wie trocken die Saison insgesamt verläuft.
Landwirte sollten sich daher nicht auf die vermeintliche Hilfe des Winters verlassen, sondern weiterhin auf bewährte Methoden setzen:
- Regelmäßige Feldbeobachtungen ab Februar
- Gezielte Überwachung spezifischer Schaderreger
- Anpassung der Pflanzenschutzmaßnahmen an die aktuellen Bedingungen
- Berücksichtigung lokaler Standortfaktoren
Die Vorbereitung auf das Frühjahr erfordert somit kontinuierliche Aufmerksamkeit und Fachwissen, unabhängig von der Strenge des vorangegangenen Winters.



