Existenzkampf auf dem Acker: Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern an der Belastungsgrenze
Landwirte in MV an der Belastungsgrenze durch Kostenexplosion

Existenzkampf auf dem Acker: Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern an der Belastungsgrenze

Der Frühling hält Einzug auf den Feldern rund um Rostock. Während die Bauern emsig ihre Saatbetten vorbereiten und erste Arbeiten abschließen, trügt die idyllische Fassade. Tausende Kilometer entfernt, im Iran, tobt ein Konflikt, dessen Auswirkungen direkt in den Ställen und auf den Äckern Mecklenburg-Vorpommerns spürbar werden. Die Preise für Diesel und Düngemittel schießen in ungeahnte Höhen und setzen die landwirtschaftlichen Betriebe massiv unter Druck.

Wenn Landwirtschaft zum „Hobby“ wird

Jens Lötter sitzt auf seinem Trecker und bringt Gülle auf einem seiner Felder nahe Baumgarten bei Bützow aus. Mit Überzeugung bezeichnet er die Landwirtschaft als „den schönsten Beruf der Welt“. Lötter ist Milchbauer mit 450 Kühen, betreibt mit 13 Mitarbeitern eine Biogasanlage und bewirtschaftet 1000 Hektar Land. Doch sein Sarkasmus verrät die tiefe Krise: „Wir betreiben Hobby-Landwirtschaft. Ein Hobby kostet Geld und bringt keines ein. Genau das tun wir gerade: Wir verbrennen Geld, um arbeiten zu dürfen.“

Ganz ohne Düngung geht es nicht, betont Lötter: „Wenn ich jetzt nichts mache, dann ist die Ernte Geschichte.“ Die explodierenden Preise zwingen ihn zu harten Kompromissen. Eigentlich müsste er seinem Weizen Stickstoffdünger geben, um Brotgetreide-Qualität zu sichern. Doch er winkt ab: „Wir sind uns sicher, dass wir das nicht mehr machen werden. Der Preisaufschlag für Brotgetreide ist so gering, dass ich den Einsatz von Dünger nicht wieder rausbekomme.“

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Kostenexplosion bei Diesel und Dünger

Heidrun Junghans von der Agrargenossenschaft „Hellbach“ in Neubukow bestätigt dieses düstere Bild. Zwar wurden etwa 80 Prozent des Düngers vorgekauft, doch die restlichen Mengen müssen zu „Krisen-Preisen am Spotmarkt“ nachbeschafft werden. Für sie steht fest: Die Situation ist „existenzbedrohend“.

Karsten Trunk, Präsident des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, führt in einer Pressemitteilung aus: Seit Beginn des Iran-Krieges seien die Dieselpreise um rund 40 Prozent gestiegen. Von März bis Juni falle etwa ein Drittel des jährlichen Kraftstoffbedarfs an. Für landwirtschaftliche Betriebe bedeute das zusätzliche Kosten von 50 bis 60 Euro pro Hektar. Hinzu kämen die nahezu verdoppelten Kosten für Düngemittel – die Preise für Getreide und Raps reichen bei Weitem nicht aus, um diese Steigerungen aufzufangen.

Trunk fordert wirksame Maßnahmen wie eine Senkung der Energie- und CO₂-Steuer. Er warnt: „Wenn die Kosten weiter steigen, wird sich das am Ende auch in den Supermarktpreisen widerspiegeln.“ Allerdings ohne Mehrwert für die Landwirte.

Diesel-Poker und das Glück der Vielseitigen

Für die Agrargenossenschaft „Hellbach“ ist ein Ausweichen auf natürliche Dünger wie Gülle oder Gärreste nicht denkbar. Junghans erklärt: „Die Ausbringung ist mit ungleich hohen Dieselkosten verbunden und sehr viel arbeitsintensiver gegenüber Mineraldüngern. Außerdem haben wir keinen so hohen Tierbestand, um den Wegfall von Mineraldünger aufzufangen.“

Inmitten dieses Sturms erweist sich Lötters Viehhaltung als großer Trumpf: „Das spart uns tatsächlich Düngemittelkosten im sechsstelligen Bereich ein“, rechnet er vor. „100.000 Euro für ein Düngemittel allein – das klingt hart, aber das ist bei uns heute kein Geld mehr.“

Auch beim Diesel hatte Lötter Glück: „Ich habe tatsächlich Glück gehabt und noch im Januar einen Jahreskontrakt für Diesel in Höhe von 1,52 Euro Diesel brutto abgeschlossen.“ Doch die aktuellen Düngemittelpreise drohen, diese Ersparnis vollständig aufzufressen.

Der klassische Kalkammonsalpeter (KAS), den sein Grünland jetzt braucht, kostet knapp 500 Euro die Tonne – im Januar waren es noch 200 Euro. Der Preis für das ebenfalls benötigte Diammonphosphat ist von 400 auf 860 Euro gesprungen. Lötter erklärt sein übliches Vorgehen: „Viele Unternehmer haben vorgekauft, da sie früher düngen müssen. Ich kaufe, weil ich später aussähe, auch später, um zu sparen.“ Normalerweise geht dieses Konzept auf. In diesem Jahr aber nicht.

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Milchproduktion: Kosten drücken, Perspektive trübt

Auch bei der Viehhaltung sieht Lötter massive Probleme: 41 Cent koste es, einen Liter Milch zu produzieren. Die Molkerei zahle 35 Cent. „Ich brauche 19 Cent Reingewinn, damit sich Arbeiten lohnt, stattdessen zahle ich drauf.“ Seine Perspektive: „Besser wird es kaum.“ Denn auch die Molkerei, sagt er voraus, werde über kurz oder lang aufgrund von Mindestlohn, Dieselpreisen und allgemeinen Kostensteigerungen bei ihm anklopfen und weniger zahlen.

Heidrun Junghans verweist auf die Investitionen der Zukunft: „Neben den hohen Betriebsmittelkosten sind die hohen Zinsen in Zukunft ein Problem. Die Rentenbank als Förderbank für die Agrarwirtschaft und den ländlichen Raum hat im laufenden Jahr die Zinsen dreimal erhöht.“

„Ich mach’ das nicht mehr mit“

Lötter warnt vor einer strukturellen Kernschmelze der Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern zugunsten der Großindustrie. „Diese Rahmenbedingungen, seit Jahren schon, werden erdrutschartige Veränderungen zur Folge haben.“ Er beobachtet schon länger, wie „gut geführte Betriebe aus der Nachbarschaft“ das Handtuch werfen. „Die sagen: ‚Ich mach’ das nicht mehr mit. Ich verkaufe jetzt, wo das Land teuer ist.‘“

Verkauft werde an die Industrie, die Energiewirtschaft, Pharmakonzerne und Entsorger. Nichts gegen Industrie in Mecklenburg-Vorpommern, meint Lötter auch. Denn das werde gebraucht. Aber: Wenn es so wie jetzt weiterlaufe, gebe es „in 20 Jahren in Mecklenburg nur noch fünf Großindustrielle“ und keine vielseitig aufgestellte, gesunde Mischung aus Industrie und Landwirtschaft.

Die Bauern in Mecklenburg-Vorpommern stehen an einem Wendepunkt. Die explodierenden Kosten für Diesel und Düngemittel, kombiniert mit stagnierenden Erzeugerpreisen, setzen ihre Existenz aufs Spiel. Während auf den Feldern der Frühling Einzug hält, herrscht in den Betrieben eine düstere Stimmung. Die Frage, wie lange sie diesen Belastungen noch standhalten können, steht im Raum – und mit ihr die Zukunft der Landwirtschaft in der Region.