Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern kämpfen um Existenz: „Ich mach’ das nicht mehr mit“
Landwirte in MV kämpfen um Existenz: „Ich mach’ das nicht mehr mit“

Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern kämpfen um Existenz: „Ich mach’ das nicht mehr mit“

Der Frühling hält Einzug auf den Feldern rund um Rostock. Während die Bauern emsig ihre Saatbetten vorbereiten und erste Felder bereits bestellt sind, trügt die idyllische Fassade. Tausende Kilometer entfernt, im Iran, tobt ein Konflikt, dessen Auswirkungen längst in den Ställen und auf den Äckern Mecklenburg-Vorpommerns angekommen sind. Die Preise für Diesel und Düngemittel schießen in schwindelerregende Höhen und setzen die Landwirte wirtschaftlich massiv unter Druck.

Wenn Landwirtschaft zum „Hobby“ wird

Jens Lötter sitzt auf seinem Trecker und bringt Gülle auf einem seiner Felder nahe Baumgarten bei Bützow aus. „Der schönste Beruf der Welt“, meint er überzeugt. Doch der Milchbauer, der 450 Kühe besitzt, eine Biogasanlage betreibt und 1000 Hektar Land bewirtschaftet, bezeichnet seinen Familienbetrieb mittlerweile als „Hobby-Landwirtschaft“. Der Grund für diesen sarkastischen Kommentar: „Weil ein Hobby Geld kostet und nicht einbringt. Und das ist es ja, was wir gerade tun: Wir verbrennen Geld, um arbeiten zu dürfen.“

Ganz ohne Düngung geht es nicht: „Wenn ich jetzt nichts mache, dann ist die Ernte Geschichte“, erklärt Lötter. Sein Betrieb profitiert zwar von der eigenen Viehhaltung, die ihm Wirtschaftsdünger liefert, doch auch er muss zusätzlich Mineraldünger zukaufen – zu horrenden Preisen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Kostenexplosion bei Diesel und Dünger

Heidrun Junghans von der Agrargenossenschaft „Hellbach“ in Neubukow bestätigt dieses düstere Bild. Zwar seien etwa 80 Prozent des Düngers vorgekauft worden, doch die restlichen Mengen müssten zu „Krisen-Preisen am Spotmarkt“ nachbeschafft werden. Für sie steht fest: Die Situation ist „existenzbedrohend“.

Karsten Trunk, Präsident des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, führt in einer Pressemitteilung aus, dass die Dieselpreise seit Beginn des Iran-Krieges um rund 40 Prozent gestiegen seien. Von März bis Juni falle etwa ein Drittel des jährlichen Kraftstoffbedarfs an, was für landwirtschaftliche Betriebe zusätzliche Kosten von 50 bis 60 Euro pro Hektar bedeute. Hinzu kämen die nahezu verdoppelten Kosten für Düngemittel. Die Preise für Getreide und Raps reichen bei Weitem nicht aus, um diese Steigerungen aufzufangen. Trunk fordert daher wirksame Maßnahmen, wie etwa eine Senkung der Energie- und CO₂-Steuer.

Diesel-Poker und das Glück der Vielseitigen

Für die Agrargenossenschaft „Hellbach“ ist ein Ausweichen auf natürliche Dünger wie Gülle oder Gärreste nicht denkbar, da deren Ausbringung mit ungleich „hohen Dieselkosten verbunden ist“ und sehr viel „arbeitsintensiver gegenüber Mineraldüngern“ sei. Außerdem „haben wir keinen so hohen Tierbestand, um den Wegfall von Mineraldünger aufzufangen“, so Junghans.

Inmitten dieses Sturms ist Lötters Viehhaltung daher ein großer Trumpf: „Das spart uns tatsächlich Düngemittelkosten im sechsstelligen Bereich ein“, rechnet er vor. „100.000 Euro für ein Düngemittel allein – das klingt hart, aber das ist bei uns heute kein Geld mehr.“ Auch beim Diesel habe er Glück gehabt: „Ich habe tatsächlich noch im Januar einen Jahreskontrakt für Diesel in Höhe von 1,52 Euro Diesel brutto abgeschlossen.“ Trotzdem drohen die aktuellen Düngemittelpreise die Ersparnis vollständig aufzufressen.

„Das wird auch in den Supermarktpreisen ankommen“

Der klassische Kalkammonsalpeter (KAS), den sein Grünland jetzt braucht, kostet knapp 500 Euro die Tonne. „Im Januar waren es noch 200“, sagt Lötter. Der Preis für das ebenfalls benötigte Diammonphosphat ist von 400 auf 860 Euro gesprungen. „Viele Unternehmer haben vorgekauft, da sie früher düngen müssen“, erklärt er. „Ich kaufe, weil ich später aussähe, auch später, um zu sparen.“ Normalerweise geht dieses Konzept auf. In diesem Jahr aber nicht.

Die Kostenlawine zwingt Lötter zu harten Kompromissen. Eigentlich müsste er beispielsweise dem Weizen im Jahresverlauf Stickstoffdünger geben, um die Qualität für Brotgetreide zu sichern. Doch er winkt ab: „Wir sind uns sicher, dass wir das nicht mehr machen werden. Der Preisaufschlag für Brotgetreide ist so gering, dass ich den Einsatz von Dünger nicht wieder rausbekomme.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Bauernpräsident Karsten Trunk betont: „Wenn die Kosten weiter steigen, wird sich das am Ende auch in den Supermarktpreisen widerspiegeln.“ Ohne Mehrwert für die Landwirte.

Milchproduktion: Kosten drücken, Perspektive trübt

Auch bei der Viehhaltung sieht Lötter massive Probleme: 41 Cent koste es, einen Liter Milch zu produzieren. Die Molkerei zahle 35 Cent. „Ich brauche 19 Cent Reingewinn, damit sich Arbeiten lohnt, stattdessen zahle ich drauf.“ Seine Perspektive: „Besser wird es kaum.“ Denn auch die Molkerei, sagt er voraus, werde über kurz oder lang aufgrund von Mindestlohn, Dieselpreisen und „überhaupt den allgemeinen Kostensteigerungen“ bei ihm anklopfen und weniger zahlen.

Heidrun Junghans verweist zudem auf die Investitionen der Zukunft: „Neben den hohen Betriebsmittelkosten sind die hohen Zinsen in Zukunft ein Problem.“ Die Rentenbank als Förderbank für die Agrarwirtschaft und den ländlichen Raum habe im laufenden Jahr die Zinsen dreimal erhöht.

„Ich mach’ das nicht mehr mit“

Lötter warnt vor einer strukturellen Kernschmelze der Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern zugunsten der Großindustrie. „Diese Rahmenbedingungen, seit Jahren schon, werden erdrutschartige Veränderungen zur Folge haben.“ Er beobachtet schon länger, wie „gut geführte Betriebe aus der Nachbarschaft“ das Handtuch werfen. „Die sagen: ‚Ich mach’ das nicht mehr mit. Ich verkaufe jetzt, wo das Land teuer ist.‛“

Verkauft werde an die Industrie, die Energiewirtschaft, Pharmakonzerne oder Entsorger. Nichts gegen Industrie in Mecklenburg-Vorpommern, meint Lötter auch. Denn das werde gebraucht. Aber: Wenn es so wie jetzt weiterlaufe, gebe es „in 20 Jahren in Mecklenburg nur noch fünf Großindustrielle“ und keine vielseitig aufgestellte, gesunde Mischung aus Industrie und Landwirtschaft.

Die Bauern in der Region stehen am Abgrund. Die explodierenden Kosten für Diesel und Düngemittel, getrieben durch internationale Konflikte, setzen ihnen existentiell zu. Während sie auf ihren Feldern rotieren, kämpfen sie um das Überleben ihrer Betriebe – und fürchten um die Zukunft der vielseitigen Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern.