Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern kämpfen um Existenz: „Ich mache das nicht mehr mit“
Landwirte in MV kämpfen um Existenz: „Ich mache nicht mehr mit“

Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern kämpfen um Existenz: „Ich mache das nicht mehr mit“

Der Frühling hält Einzug auf den Feldern rund um Rostock. Während die Bauern emsig rotieren und Saatbetten vorbereiten, trügt die idyllische Fassade. Tausende Kilometer entfernt, im Iran, tobt ein Konflikt, dessen Auswirkungen bis in die Ställe und auf die Felder Mecklenburg-Vorpommerns reichen. Die Preise für Diesel und Düngemittel schießen in schwindelerregende Höhen und setzen die Landwirte wirtschaftlich massiv unter Druck.

Wenn Landwirtschaft zum „Hobby“ wird

Jens Lötter sitzt auf seinem Trecker und bringt Gülle auf einem seiner Felder nahe Baumgarten bei Bützow aus. „Der schönste Beruf der Welt“, meint er überzeugt. Lötter ist Milchbauer mit 450 Kühen, betreibt mit 13 Mitarbeitern eine Biogasanlage und bewirtschaftet 1000 Hektar Land. Doch seinen Familienbetrieb bezeichnet er sarkastisch als „Hobby-Landwirtschaft“. „Weil ein Hobby Geld kostet und nicht einbringt. Und das ist es ja, was wir gerade tun: Wir verbrennen Geld, um arbeiten zu dürfen.“

Ganz ohne Düngung geht es nicht: „Wenn ich jetzt nichts mache, dann ist die Ernte Geschichte“, erklärt Lötter. Seit Beginn des Iran-Krieges sind die Dieselpreise um rund 40 Prozent gestiegen, wie der Präsident des Bauernverbandes MV, Karsten Trunk, in einer Pressemitteilung ausführt. Von März bis Juni falle etwa ein Drittel des jährlichen Kraftstoffbedarfs an, was zusätzliche Kosten von 50 bis 60 Euro pro Hektar bedeute.

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Kostenexplosion bei Dünger und Diesel

Heidrun Junghans von der Agrargenossenschaft „Hellbach“ in Neubukow bestätigt dieses düstere Bild. Zwar seien etwa 80 Prozent des Düngers vorgekauft worden, doch die restlichen Mengen müssten zu „Krisen-Preisen am Spotmarkt“ nachbeschafft werden. Für sie steht fest: Die Situation ist „existenzbedrohend“. Die Preise für Düngemittel haben sich nahezu verdoppelt, während die Erzeugerpreise für Getreide und Raps bei Weitem nicht ausreichen, um diese Steigerungen aufzufangen.

Ein Ausweichen auf natürliche Dünger wie Gülle oder Gärreste ist für die Agrargenossenschaft „Hellbach“ nicht denkbar, da deren Ausbringung mit ungleich hohen Dieselkosten verbunden und sehr viel arbeitsintensiver gegenüber Mineraldüngern sei. „Wir haben keinen so hohen Tierbestand, um den Wegfall von Mineraldünger aufzufangen“, so Junghans.

Diesel-Poker und das Glück der Vielseitigen

Inmitten dieses Sturms ist Lötters Viehhaltung ein großer Trumpf: „Das spart uns tatsächlich Düngemittelkosten im sechsstelligen Bereich ein“, rechnet er vor. „100.000 Euro für ein Düngemittel allein – das klingt hart, aber das ist bei uns heute kein Geld mehr.“ Auch beim Diesel hatte Lötter Glück: „Ich habe tatsächlich Glück gehabt und noch im Januar einen Jahreskontrakt für Diesel in Höhe von 1,52 Euro Diesel brutto abgeschlossen.“

Trotzdem drohen die aktuellen Düngemittelpreise die Ersparnis vollständig aufzufressen. Der klassische Kalkammonsalpeter (KAS), den sein Grünland jetzt braucht, kostet knapp 500 Euro die Tonne – im Januar waren es noch 200 Euro. Der Preis für das ebenfalls benötigte Diammonphosphat ist von 400 auf 860 Euro gesprungen.

Die Kostenlawine zwingt zu harten Kompromissen

Die Kostenlawine zwingt Lötter zu harten Kompromissen. Eigentlich müsste er dem Weizen im Jahresverlauf Stickstoffdünger geben, um die Qualität für Brotgetreide zu sichern. Doch er winkt ab: „Wir sind uns sicher, dass wir das nicht mehr machen werden. Der Preisaufschlag für Brotgetreide ist so gering, dass ich den Einsatz von Dünger nicht wieder rausbekomme.“

Bauernpräsident Karsten Trunk betont: „Wenn die Kosten weiter steigen, wird sich das am Ende auch in den Supermarktpreisen widerspiegeln.“ Ohne Mehrwert für die Landwirte. Auch bei der Viehhaltung sieht Lötter Probleme: 41 Cent koste es, einen Liter Milch zu produzieren. Die Molkerei zahle 35 Cent. „Ich brauche 19 Cent Reingewinn, damit sich Arbeiten lohnt, stattdessen zahle ich drauf.“

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Investitionen in die Zukunft werden unmöglich

Heidrun Junghans verweist auf die Investitionen der Zukunft: „Neben den hohen Betriebsmittelkosten sind die hohen Zinsen in Zukunft ein Problem.“ Die Rentenbank als Förderbank für die Agrarwirtschaft und den ländlichen Raum habe im laufenden Jahr die Zinsen dreimal erhöht. Große Investitionen, wie Lötters neuer Kuhstall von 2024, sind aktuell kaum mehr möglich.

„Ich mach’ das nicht mehr mit“ – Warnung vor struktureller Kernschmelze

Lötter warnt vor einer strukturellen Kernschmelze der Landwirtschaft in MV zugunsten der Großindustrie. „Diese Rahmenbedingungen, seit Jahren schon, werden erdrutschartige Veränderungen zur Folge haben.“ Er beobachtet schon länger, wie „gut geführte Betriebe aus der Nachbarschaft“ das Handtuch werfen. „Die sagen: ‚Ich mache das nicht mehr mit. Ich verkaufe jetzt, wo das Land teuer ist.‛“

Verkauft werde an die Industrie, die Energiewirtschaft, Pharmakonzerne und Entsorger. Nichts gegen Industrie in MV, meint Lötter auch. Denn das werde gebraucht. Aber: Wenn es so wie jetzt weiterlaufe, gebe es „in 20 Jahren in Mecklenburg nur noch fünf Großindustrielle“ und keine vielseitig aufgestellte, gesunde Mischung aus Industrie und Landwirtschaft. Die Bauern rotieren weiter auf ihren Feldern, doch der Existenzkampf wird immer härter.