LPG-Auflösung nach der Wende: Studie zeigt tiefgreifende gesellschaftliche Folgen
LPG-Auflösung: Studie zeigt gesellschaftliche Folgen

Das Ende der LPG: Wie der Zusammenbruch der DDR-Landwirtschaft die Gesellschaft veränderte

Die Auflösung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften nach dem Ende der DDR hatte tiefgreifende Folgen für die Gesellschaft im Osten Deutschlands. Eine aktuelle Studie der Hochschule Neubrandenburg unter Leitung von Prof. Dr. Theodor Fock beleuchtet diese Transformationsphase und zieht Parallelen zu heutigen Herausforderungen.

Forschungsprojekt mit Zeitzeugeninterviews

Von 2021 bis 2024 untersuchte ein Forschungsteam unter Förderung der Hans-Böckler-Stiftung die Auswirkungen der LPG-Auflösung. Neben Archivrecherchen bildeten Interviews mit Zeitzeugen aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen den Kern der Studie. "Wir haben Akteure von Beschäftigungsgesellschaften befragt, die vor 30 oder 35 Jahren an den Prozessen beteiligt waren", erklärt Prof. Fock.

Sozialer Kahlschlag in den Dörfern

Vor der Wende waren 50 Prozent der Dorfbevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt. Die plötzliche Auflösung der LPGs traf die Menschen unvorbereitet. "80 Prozent der Menschen im ländlichen Raum sind ins Nichts gefallen", so Fock. Die LPGs hinterließen nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein soziales Vakuum:

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  • Frauen wurden besonders häufig in die Arbeitslosigkeit geschickt
  • Kindergärten und soziale Einrichtungen der LPGs wurden geschlossen
  • Feste und Gemeinschaftsveranstaltungen fielen weg
  • 50 Prozent der Betroffenen fanden nicht mehr ins Berufsleben zurück

Langsamer Wiederaufbau sozialer Strukturen

Der Wegfall der kollektiven Strukturen führte zunächst zu Verbitterung und sozialer Isolation. Erst zögerlich entstanden Vereine und Verbände, die den Zusammenhalt der ehemaligen LPG-Beschäftigten teilweise ersetzten. "Mindestens eine Generation hat es gebraucht, bis sich alles normalisierte", betont der Professor.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen als kurzfristige Lösung

Beschäftigungsgesellschaften wie die Arbeitsfördergesellschaft Klockow oder die Steg Ueckermünde boten zunächst eine wichtige Auffangfunktion. "Für manche waren diese staatlich geförderten Arbeitsverhältnisse zunächst ein Segen", erklärt Fock. Projekte wie das Slawendorf in Neustrelitz oder der Miniaturenpark in Neubrandenburg entstanden in diesem Rahmen.

Paradox: Landwirtschaft als Wirtschaftszweig gestärkt

Während die meisten Beschäftigten ihre Existenzgrundlage verloren, entwickelte sich die Landwirtschaft als Wirtschaftszweig positiv. Im Gegensatz zu anderen DDR-Betrieben gingen die LPGs nicht in Treuhand-Besitz über, sondern konnten sich selbst privatisieren. "Der Agrarsektor war ein Sonderfall, weil die Umwandlung zur Marktwirtschaft weitgehend in Eigenregie erfolgte", so Fock.

Heutige Situation und Lehren für die Zukunft

Heute arbeiten nur noch etwa fünf Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Die ehemals prägenden LPG-Gebäude verschwinden allmählich aus dem Dorfbild. Doch die Studie bietet wichtige Erkenntnisse für aktuelle Transformationsprozesse: "Wir müssen uns ins Bewusstsein rufen, was das für Auswirkungen haben kann", warnt Fock mit Blick auf den heutigen industriellen Umbau.

Die detaillierten Forschungsergebnisse werden in einer Schriftenreihe der Böckler-Stiftung veröffentlicht und im Herbst bei einer Diskussionsrunde in Neubrandenburg vorgestellt.

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