Vormittags Pumps, nachmittags Gummistiefel: Eine Frau in zwei Welten
Grünow • Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2026 zum Jahr der Frauen in der Landwirtschaft erklärt. Ein passender Anlass, um mit Rebekka Thiedig (31) aus Grünow in der Mecklenburgischen Seenplatte zu sprechen. Die junge Frau führt ein beeindruckendes Doppelleben: Hauptberuflich leitet sie zwei Bankfilialen, nebenberuflich betreibt sie den Landwirtschaftsbetrieb Thiedig-Alpaka und managt parallel dazu eine Familie mit zwei kleinen Kindern.
Warum nicht Vollzeit-Landwirtin?
„Ich bin auf dem kleinen Biobetrieb meiner Eltern groß geworden und in die Landwirtschaft hineingewachsen“, erklärt Thiedig. „Der Hof war immer mein Lebensmittelpunkt, bis heute. Aber Landwirtin wollte ich nie werden und auch keinen Landwirt zum Mann haben.“ Die Wende kam, als ihr Mann Jakob auf den Hof zog. Ursprünglich Industriekaufmann, entschied er sich für ein Agrarwirtschaftsstudium. Parallel gründete Rebekka Thiedig 2022 ihren eigenen Betrieb. Heute steht für das Paar fest: Sie wollen den Hof des Vaters übernehmen.
Innovative Konzepte für kleine Höfe
Der Betrieb umfasst zehn Alpakas, einige Hühner und 1,5 Hektar Land. Statt klassischer Landwirtschaft setzt das Paar auf innovative Konzepte: „Für uns kommt Landwirtschaft 1:1 wie vor 30 Jahren nicht infrage. Unsere Generation muss sich breiter aufstellen“, betont Thiedig. Sie bietet Alpaka-Wanderungen, Kindergeburtstage, Bauernhof-AGs für Kindergartengruppen und Schulklassen an. Ihr Mann vermietet Hühner an soziale Einrichtungen. Sogar Yoga mit Alpakas steht auf dem Programm – und wird gut angenommen: „Wir sind fast immer ausgebucht.“
Dabei legt Thiedig Wert auf Authentizität: „Kuscheln mit Alpakas geht bei uns zum Beispiel nicht. Unsere Alpakas sind keine Kuscheltiere. Wir wollen ein realistisches Bild von der Landwirtschaft vermitteln.“ Bei Projekten mit Kindern werden praktische Aufgaben wie Hühnergehege bauen, Büsche beschneiden oder Feuerstellen anlegen umgesetzt. Besonders wichtig ist ihr der nachhaltige Umgang mit Ressourcen, dieses Bewusstsein möchte sie an die nächste Generation weitergeben.
Herausforderungen und Bürokratie
Idyllisch ist nicht alles: „Wenn ein Tier krank ist, muss man natürlich da sein, das ist nicht für jeden was“, räumt Thiedig ein. „Ansonsten darf man die Bürokratie nicht unterschätzen. Ich muss mit meinem kleinen Betrieb genauso viel Schreibarbeit erledigen wie die großen.“ Hier kommt ihr Studium zugute – Steuern, Buchführung und Marketing sind essentiell für den Betrieb.
Familienleben ohne klassische Rollen
Mit zwei kleinen Kindern ist der Alltag sportlich: „In der Bank habe ich 30 Stunden pro Woche gearbeitet, jetzt bin ich aber erst mal in Elternzeit. Bei der Arbeit auf dem Hof kann man die Arbeitszeit nicht beziffern. Wenn man liebt, was man tut, schaut man nicht auf die Uhr.“ Echte Ferien oder Wochenenden gibt es nicht. Die Rollenverteilung ist modern: „Das Stillen ist natürlich meine Aufgabe, aber alles andere haben wir gleichmäßig verteilt.“ Für die Kinder sei es normal, dass Papa vor dem Frühstück die Tiere füttert und Mama Büroarbeit erledigt. „Wir denken gar nicht darüber nach, ob das typisch weibliche oder typisch männliche Aufgaben sind.“
Netzwerke für Frauen in der Landwirtschaft
Thiedig unterstützt Initiativen wie das UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft oder den Landfrauenverband: „Doch, unbedingt. Ich finde die Arbeit der Landfrauen vor allem auch in Mecklenburg und Vorpommern wirklich großartig.“ Sie betont die Bedeutung von Netzwerken für Frauen im ländlichen Raum und die Sichtbarmachung weiblicher Leistungen. „Gleichberechtigung bleibt auf jeden Fall ein gesellschaftliches Thema, nicht nur in der Landwirtschaft.“
Zukunftsperspektiven
Nach der Elternzeit will Thiedig wieder in der Bank arbeiten: „Auf jeden Fall. Das ist der Job, den ich gelernt habe. Hier auf dem Hof bin ich Quereinsteigerin und probiere mich aus.“ Den Kontrast zwischen Angestelltenverhältnis und Selbstständigkeit schätzt sie: „Vormittags Pumps und nachmittags Gummistiefel.“
Ihre Botschaft an andere Frauen: „Traut euch, seid mutig und probiert Neues aus. Wenn etwas nicht klappt, versucht etwas anderes. Es lohnt sich, eure eigene Nische zu finden, auch wenn euer Umfeld skeptisch ist.“ Sie selbst wurde zunächst belächelt, als sie mit Alpaka-Wanderungen begann – heute hat sich ihr Mut ausgezahlt.



