„Ich spiele ein bisschen Gott“ – Susanne Petersen züchtet in Qualitz Europas größte Dorperschaf-Herde
Der Gang von Susanne Petersen ist steif und jeder Schritt schmerzt. Ein Kreuzbandriss, verursacht durch ein Schaf, das ihr auf der Weide ins Knie gesprungen ist, macht ihr zu schaffen. In wenigen Tagen steht die Operation an, doch zuvor fährt die 65-Jährige noch in den Baumarkt – eine Spitzhacke wird dringend benötigt. Aufgeben kommt für die Tierärztin und Schäferin aus Überzeugung nicht in Frage.
Tierärztin und Schäferin mit Leidenschaft für robuste Rassen
Susanne Petersen betreibt seit 2015 in Qualitz, in der Gemeinde Baumgarten, mit der Weideland Qualitz GbR auf 208 Hektar Land die nach eigenen Angaben größte Herdbuchzucht von Dorperschafen in Europa. Die Arbeit findet draußen statt, sieben Tage die Woche, bei jedem Wetter von Eisregen bis Hitzewelle. „Manchmal denke ich, mein Körper kann das nicht mehr“, gesteht Petersen. „Aber wozu soll ich mich um meine Gesundheit kümmern, wenn ich keine Schafe mehr habe?“
Eigentlich war ein anderes Leben geplant. Nach dem Studium eröffneten Petersen und ihr Mann eine Tierarztpraxis in Niedersachsen. Kurz nach der Wende zog die Familie in den Nordosten, um ihre Kinder auf einem landwirtschaftlichen Betrieb großzuziehen. In der Nähe von Anklam bauten sie einen Hof mit Angusrindern und Islandpferden auf.
Von leeren Ställen zur erfolgreichen Schafzucht
Doch die Winter waren zu ruhig. Ställe standen leer und Mitarbeitende mussten gehen. Also kamen die Schafe. „Wir haben uns welche ausgesucht, die im Winter lammen“, erinnert sich Petersen, denn das verursacht die meiste Arbeit. Der Vorteil: Schafe sind genügsam, kommen mit kargen Flächen aus, fressen unregelmäßig, trampeln und düngen – all das hält die Flächen lebendig. „Das hat mich schon im Studium fasziniert“, so Petersen. „Beweidetes Grünland ist das artenvielfältigste“, betont sie. Zudem liefern Schafe Fleisch.
Die ersten Tiere, die sie sich angeschafft hatte, waren nicht die richtigen – zu anfällig, zu betreuungsintensiv, zu wenig Ertrag. 2007 hörte die Züchterin von einer Rasse aus Südafrika: dem Dorperschaf. Robust, schnell wachsend, genügsam und damals neu in Deutschland. Über Kontakte kam sie an erste Tiere – und blieb dabei.
Natürliche Fütterung und strenge Zuchtauswahl
Für gutes Fleisch ist die Ernährung entscheidend. Petersens Schafe sollen ausschließlich von Grundfutter leben. Kraftfutter lehnt sie strikt ab. „Es ergibt keinen Sinn, Schweine mit Futter zu mästen, das wir selbst essen könnten“, sagt Petersen. „Wenn ich jeden Tag ein Kilo zufüttern müsste, wäre das für mich nicht interessant.“
Heute fährt Petersen mit dem Jeep über das verschneite Feld zur Herde. Bordercollie Flora springt aus dem Wagen und beginnt sofort zu arbeiten. Mit wenigen Kommandos treibt sie die Tiere mit den charakteristischen schwarzen Köpfen näher an den Zaun. Petersen steigt trotz ihrer Knieverletzung über den Stromzaun und mustert die Schafherde genau: Hinkt eines? Hustet es? Wie steht es im Futter? Wie sind die Beine?
Zweimal jährlich 500 Lämmer und europaweiter Verkauf
Zweimal im Jahr werden rund 500 Lämmer geboren. „Die Tiere sollen vor allem draußen gut klarkommen“, erklärt Petersen. Dafür brauchen sie gerade Füße, Mütterlichkeit und geringe Anfälligkeit. Tiere mit schlechten Merkmalen werden geschlachtet, während die mit guten Merkmalen in der Zucht bleiben. „Ich spiele ein bisschen Gott“, sagt sie mit einem Lächeln, „und dann sind die nächsten Tiere noch besser.“
Mittlerweile verkauft ihr Betrieb rund 500 Tiere jedes Jahr europaweit – von Portugal bis Moldawien. Mittags sitzt das Team am großen Eichentisch. Eintopf dampft in den Tellern. Petersen kocht jeden Abend vor. Jede Mahlzeit ist gleichzeitig Besprechung: Welche Tiere benötigen Behandlung? Welche Gruppe wird umgesetzt? Welcher Zaun wird versetzt?
Hoher Aufwand und großer Erfolg in der Schäferszene
„Viele denken, Schafe stehen einfach draußen“, sagt Jungschäferin Katja Hartmann (29), eine von zwei Vollzeitangestellten. „So ist das absolut nicht.“ Der Aufwand ist hoch. Ein „Turboschaf“ habe sie zwar nie gezüchtet, aber die Verkaufszahlen stimmen. „Unser Ansehen in der Schäferszene ist unser größter Erfolg“, betont Susanne Petersen. Viele Züchter wüssten, was sie bekommen: Robuste Tiere, ehrlich verkauft.
Wie lange noch? Vielleicht übernimmt eines Tages die Tochter den Betrieb. Vielleicht verändert sich dann einiges. Petersen lächelt. Fürs Erste gilt: „Das Ziel ist weitermachen.“ Jetzt aber fährt sie erst einmal zur Physiotherapie. Das Knie soll nach der Operation schnell heilen. Die nächste Lammzeit beginnt bereits im März.



