Der bekannte Naturschützer Ernst Paul Dörfler schlägt Alarm: Die Artenvielfalt bei Vögeln in Deutschland nimmt dramatisch ab. Besonders betroffen sind die Regionen entlang der Elbe in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Der neue Bericht „Vögel in Deutschland – Bestandssituation 2025“ des Dachverbands Deutscher Avifaunisten und des Bundesamts für Naturschutz zeigt auf erschreckende Weise, dass der Osten der Elbe noch eine größere Vielfalt aufweist als der Westen.
Monitoring mit tausenden Freiwilligen
Ernst Paul Dörfler, ehemaliger Grünen-Bundestagsabgeordneter und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Naturschutz, lebt seit seiner Geburt in der Nähe der Elbe. Er lobt die umfangreiche Datengrundlage des Berichts: „Rund 7.000 Freiwillige beteiligten sich an dem Vogelmonitoring, und es liegen über zehn Millionen Gelegenheitsbeobachtungen von mehr als 50.000 begeisterten Vogelbeobachtern vor.“ Diese Daten ermöglichen eine präzise Analyse der Bestandsentwicklung.
Adler im Osten häufiger
Im Gespräch mit unserer Redaktion hebt Dörfler den See- und den Fischadler hervor. Während diese Greifvögel westlich der Elbe selten sind, hat sich ihre Anzahl im Osten verzehnfacht. „Der Osten bietet die erforderlichen Naturräume. Diese Vogelarten folgen nicht dem Menschen, sondern schätzen ungestörte Reviere“, erklärt Dörfler. Der Bericht listet für 2022 insgesamt 304 Brutvogelarten in Deutschland auf, darunter 244 etablierte heimische Arten, 25 nicht etablierte, 18 ausgestorbene Arten sowie 17 etablierte Neozoen. Zwischen 77 und 105 Millionen Vogelpaare brüten hierzulande.
Kiebitz und Rebhuhn stark rückläufig
Die häufigsten Arten sind Amsel, Buchfink, Kohlmeise und Sperling. Doch Dörfler betont: „Leider ist seit Jahren ein großer Rückgang bei einzelnen Vogelarten zu verzeichnen. Besonders Kiebitz, Rebhuhn und Wachteln sind stark betroffen.“ Die Seedorfer Biologin Dr. Krista Dziewiaty bestätigt dies. Um 1960 wurden in der Prignitz noch Kiebitzeier gesucht und bis nach Berlin verkauft. Heute sei die Anzahl der Brutpaare auf 50 bis 60 gesunken. „Östlich von Wittenberge im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe Brandenburg ist dieser Bodenbrüter kaum noch anzutreffen. Das Vorkommen in der Prignitz beschränkt sich hauptsächlich auf das Gebiet um die Lenzer Wische“, so Dziewiaty. Vor drei Jahren schätzte die Vogelschutzwarte die Zahl der Kiebitzpaare in ganz Brandenburg auf höchstens 1.500 – und dieser Wert sinkt weiter.
Landwirtschaft als Hauptursache
Für den Rückgang macht Dörfler den Chemieeinsatz in der Landwirtschaft verantwortlich. Besonders den Küken fehlt es an Insektennahrung. Östlich der Elbe in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gibt es laut Dörfler noch recht gute Bedingungen für eine größere Vogelartenvielfalt. „Wiedehopf, Ortolan, Haubenlerche und Grauammer gibt es fast nur im Osten, Großtrappen ausschließlich“, argumentiert er. „Doch auch im Osten kam es ab dem Jahr 2000 zu einem Knick, weil viele stillgelegte Flächen wieder bewirtschaftet werden.“
Ganzjahresfütterung als Risiko
Die Ganzjahresfütterung von Vögeln lehnt Dörfler ab. „Sie liefert keinen Beitrag zum Artenschutz. Die Vogelarten, die an Futterstellen kommen, sind in ihrem Bestand nicht bedroht. Beobachtungen zeigen, dass sich Futterstellen zu Hotspots der Krankheitserregerübertragung entwickeln können – das führte unter anderem zu einem Blaumeisen- und Grünfinkensterben“, warnt der Buchautor.
Positive Beispiele und Klimawandel
Der Bericht zeigt auch positive Entwicklungen: Bienenfresser, Mittelmeermöwe, Purpurreiher, Wiedehopf, Zaunammer und Zwergdommel verzeichnen Bestandszuwächse. Ihre Verbreitungsgrenzen verschieben sich nach Norden, was unter anderem auf die Klimaerwärmung zurückgeführt wird. Dennoch betont Dörfler: „Klimakrise und die Krise der biologischen Vielfalt gelten als Zwillingskrisen und bedrohen unsere Lebensgrundlagen. Deshalb ist es wichtig, den Zustand unserer Natur regelmäßig zu erfassen und daraus Maßnahmen zum Erhalt der natürlichen Vielfalt zu ergreifen.“



