Nordmazedonien: Männliche Schildkröten treiben Weibchen in den Tod
Auf der kleinen, unbewohnten Insel Golem Grad im Großen Prespasee Nordmazedoniens spielt sich eine dramatische Tier-Tragödie ab. Die dort lebende Population der Griechischen Landschildkröten, auch als Hermann-Schildkröten bekannt, steht unmittelbar vor dem Aussterben. Schuld daran sind die männlichen Exemplare, die ihre weiblichen Artgenossen derart aggressiv drangsalieren, dass diese entweder an den Folgen der Misshandlungen sterben oder sich selbst von den steilen Felswänden der Insel stürzen.
Studie belegt extremes Geschlechterungleichgewicht
Eine kürzlich im renommierten Fachmagazin Ecology Letters veröffentlichte Studie liefert erschütternde Einblicke in das Leben der rund 1000 Schildkröten auf Golem Grad. Die Forschenden dokumentierten, dass auf dem Plateau der Insel ein extremes Ungleichgewicht herrscht: Auf jedes Weibchen kommen aktuell 19 Männchen. Diese Überzahl führt zu einem brutalen Konkurrenzkampf unter den Männchen, der sich fatal auf die Weibchen auswirkt.
Die männlichen Schildkröten verfolgen die wenigen Weibchen in langen Reihen, bis diese völlig erschöpft zusammenbrechen. Anschließend werden sie buchstäblich von einer Masse männlicher Tiere begraben. Im Rahmen ihres Balzverhaltens rempeln, beißen und besteigen die Männchen die Weibchen, wobei es häufig zu schweren Verletzungen kommt. Drei Viertel aller weiblichen Schildkröten auf Golem Grad weisen Genitalverletzungen auf, manche bluten sogar bis zum Verlust lebenswichtiger Körperflüssigkeiten.
Folgen: Abmagerung, geringere Fortpflanzung und Suizid
Die gequälten Weibchen zeigen deutliche gesundheitliche Beeinträchtigungen:
- Sie sind stark abgemagert und geschwächt.
- Die Fortpflanzungsrate ist deutlich reduziert.
- Die produzierten Gelege sind kleiner als bei Festlandpopulationen.
- Die jährlichen Überlebensraten liegen weit unter denen vergleichbarer Gruppen.
Am drastischsten ist jedoch das Phänomen des demografischen Selbstmords: Einige der malträtierten Weibchen flüchten vor der anhaltenden Verfolgung und Quälerei, indem sie sich bewusst von den steilen Klippen der Insel stürzen. Diese verzweifelten Akte beschleunigen den bereits kritischen Bevölkerungsrückgang zusätzlich.
Forscher dokumentieren seit 2008 den Niedergang
Dragan Arsovski, Mitautor der Studie, erforscht die Population auf Golem Grad bereits seit dem Jahr 2008. Schon damals stellte er das deutliche Übergewicht an männlichen Tieren fest. "Die Weibchen werden buchstäblich von Männchen begraben", beschreibt Arsovski die Situation gegenüber der New York Times. Die Männchen würden die Weibchen nicht nur beißen und rempeln, sondern sie auch mit ihren scharfen Schwanzspitzen heftig stoßen.
Interessanterweise beobachteten die Forschenden auch, dass einige männliche Schildkröten ihre sexuellen Instinkte durch gegenseitiges Besteigen befriedigen – ein Verhalten, das in dieser Ausprägung bisher nicht dokumentiert war.
Aussterben prognostiziert und rätselhafte Herkunft
Die Wissenschaftler prognostizieren, dass die letzte weibliche Schildkröte auf Golem Grad im Jahr 2083 sterben wird, wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen. Damit würde die gesamte Population auf der Insel aussterben, da Griechische Landschildkröten unter optimalen Bedingungen zwar bis zu 100 Jahre alt werden können, aber ohne Weibchen keine Nachkommen mehr produzieren.
Ein Rätsel bleibt die Ursache des extremen Geschlechterungleichgewichts. Während auf dem Festland etwas mehr Weibchen als Männchen existieren, könnte es sich auf Golem Grad um eine zufällige Populationsschwankung handeln. Eine andere Theorie besagt, dass Menschen die Schildkröten ursprünglich auf die Insel brachten – möglicherweise in unausgewogener Geschlechterverteilung. Darauf deuten eingravierte Nummern auf einigen Panzern hin, deren Herkunft jedoch ungeklärt bleibt. "Wir haben keine Ahnung, woher sie kommen", gesteht Arsovski, der mit den ältesten Bewohnern der Region gesprochen hat, ohne eine Erklärung zu finden.
Die Studie von Golem Grad zeigt nicht nur ein extremes Beispiel tierischen Verhaltens, sondern wirft auch Fragen zum Artenschutz und zum Umgang mit isolierten Populationen auf, die durch innere Dynamiken an den Rand der Auslöschung getrieben werden.



