Frühlingsboten trotzen dem Winter: Erste Störche kehren pünktlich in Brutgebiete zurück
Trotz winterlicher Wetterbedingungen mit Schnee und glatten Landebahnen haben die ersten Weißstörche bereits ihre Rückkehr in die deutschen Brutgebiete begonnen. Die pünktliche Ankunft der majestätischen Vögel gilt als sicheres Zeichen für den nahenden Frühling und begeistert Ornithologen sowie Naturfreunde gleichermaßen.
Frühe Rückkehrer in Sachsen-Anhalt
In Loburg, dem Standort der Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg in Sachsen-Anhalt, landete Storch Anton bereits am vergangenen Sonntag als erster Frühlingsbote. Noch frühere Sichtungen gab es in Oberröblingen im Süden des Bundeslandes, wo bereits im Januar ein Rückkehrer auftauchte, und in Magdeburg, wo selbst im Dezember ein Storchenpaar am Bahnhof beobachtet wurde.
Biologin Sophie Hoffmann vom Storchenhof Loburg betont, dass dieses Verhalten nicht ungewöhnlich sei. „Viele Störche überwintern mittlerweile direkt in Deutschland“, erklärt die Expertin. In Bundesländern wie Hessen würden bis zu 300 Brutpaare die kalte Jahreszeit hierzulande verbringen und sich auf Feuchtflächen durchschlagen. „Sie schlafen dann nicht auf Bäumen, sondern im Stehen im flachen Wasser“, so Hoffmann weiter. Auch in Loburg habe ein ausgewilderter Storch partout nicht gen Süden ziehen wollen, sondern sei nach kurzer Zeit in den Storchenhof zurückgekehrt, wo man ihn als verletztes Tier versorgt hatte.
Zugverhalten: Westzieher und Ostzieher
Fachleute unterscheiden bei Störchen zwischen Westziehern und Ostziehern. Die Westzieher überwintern auf der Iberischen Halbinsel und müssen dafür etwa 2.500 Kilometer in rund zwei Wochen zurücklegen – abhängig vom Flugwetter. Die Ostzieher fliegen über Polen und den Balkan nach Israel und von dort weiter nach Ostafrika.
Besondere Flugleistungen erbrachte die frühere Loburger Storchenberühmtheit Prinzesschen, die bis in den Süden des afrikanischen Kontinents zog und dabei mehr als 10.000 Kilometer zurücklegte. Diese Route ist zwar länger, bietet aber mit Blick auf das Nahrungsangebot entscheidende Vorteile.
Der Westzug wird bei vielen offenen Müllkippen oft schon in Spanien beendet. Solche Deponien gibt es auf der Ostroute zwar auch, trotzdem reisen die Störche dort meist weiter und werden in einigen afrikanischen Ländern gerne als Heuschreckenvogel bezeichnet. „Störche sind reine Fleischfresser und haben ein breites Nahrungsspektrum“, berichtet Hoffmann. „Dazu gehört alles von Schnecken, Insekten und Regenwürmern über Lurche, Reptilien und Fische bis hin zu Mäusen und Maulwürfen.“ Auch Aas werde gerne genommen.
Angepasst an winterliche Bedingungen
Das aktuelle Winterwetter stellt für die Störche kein Problem dar. Sie können sogar mehrere Wochen ohne Nahrung auskommen, erklärt Hoffmann. Zudem gibt es immer noch die sogenannte Winterflucht: Störche fliegen kurzerhand dorthin, wo es Nahrung gibt. Ihr Zugverhalten ist tief verankert. „Selbst verletzte Tiere, die nicht mehr fliegen können, bekommen im Herbst eine Unruhe. Sie haben das Gefühl, wegzumüssen. Das ist ihnen angeboren“, so die Biologin.
Für die konkrete Zugroute gelte das jedoch nicht: „Ob die erste Reise eines Jungstorchs nach Ost oder West geht, hängt davon ab, welcher Zuggruppe er sich anschließt, nachdem er sein Nest verlassen hat“, erklärt Hoffmann. „Die Eltern zeigen ihnen meistens nicht den Weg.“ Normalerweise würden Jungtiere etwa zwei Wochen eher als ihre Eltern das Nest verlassen, die noch etwas länger im Brutgebiet bleiben. „Es ist gerade so, als wollten die endlich mal wieder Ruhe genießen“, fügt sie schmunzelnd hinzu.
Regionale Unterschiede und Bestandsentwicklung
Störche, die in Ostdeutschland beheimatet sind, wählen überwiegend die Ostroute für das Überwintern. Die West-Störche in Südwestdeutschland ziehen dagegen öfter auf die Iberische Halbinsel und nehmen die unentschlossenen Jungstörche mit. Noch vor 15 bis 20 Jahren war die Ostpopulation in Deutschland dominant, seither entwickeln sich vor allem die Bestände im Westen sehr dynamisch.
Christoph Kaatz, der in Sachsen-Anhalt als Storchenvater gilt, sieht beim „Nationalvogel“ der Deutschen noch ausreichend Forschungsbedarf. Denn obwohl es hier keine optimalen Nahrungsbedingungen gebe, entwickle sich der Bestand an Weißstörchen gerade bei den Westziehern sehr positiv. „Wir müssen dennoch wachsam sein und haben eine besondere Verantwortung. Es gibt immer noch erhebliche Schwankungen im Bestand“, mahnt Kaatz. Nach Zahlen aus dem Jahr 2024 gab es in Deutschland rund 13.000 Brutpaare.
Gefahren und Schutzmaßnahmen
Immer wieder müssen Störche Katastrophenjahre überstehen. „Gerade Jungstörche kommen mit Starkregen oder längeren Phasen von Trockenheit schlecht zurecht. Auch Infektionen wie die Vogelgrippe könnten sich auf den Bestand auswirken“, warnt Hoffmann. Eine große Gefahr gehe von Plastik auf Mülldeponien und Kompostanlagen aus.
Der Naturschutzbund (NABU) in Thüringen warnt insbesondere vor Gummibändern und Kunststoffteilen, die zunehmend im Biomüll entsorgt werden und über Kompostanlagen oder Felder in die Nahrungskette gelangen. Altstörche sammeln dort Nahrung und füttern ihre Jungen mit den gefährlichen Abfällen.
Positive Entwicklung in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
In Thüringen gelten vor allem das Werratal zwischen Meiningen und Creuzburg sowie das Thüringer Becken nördlich von Erfurt als exzellente Storchenreviere. Nach Angaben von NABU-Storchenexperte Klaus Schmidt sind bis vergangenes Wochenende bereits ein Drittel der Weißstörche auf ihren Nestern eingetroffen. Je nach Wetter soll sich die Rückkehr der Adebare noch über Wochen erstrecken.
In Sachsen gab es erste Ankünfte in Schkeuditz, Glauchau und Cunnersdorf. Die Bestandsentwicklung ist in allen drei Bundesländern durchweg positiv. In Thüringen wurden 2024 genau 180 Horstpaare und 333 Jungtiere gezählt – zehn Jahre zuvor waren es nur 45 beziehungsweise 86. In Sachsen gab es zuletzt etwa 470 Brutpaare bei steigender Tendenz. In Sachsen-Anhalt hatten im vergangenen Jahr 775 Storchenpaare einen Horst besetzt.
Mancherorts geben Webcams faszinierende Einblicke in das Leben der Weißstörche während der Brutsaison ab März und April. Diese Kameras dienen nicht nur der Beobachtung der Natur und der Forschung, sondern fördern auch das öffentliche Interesse am Artenschutz. Die Störche gelten in Ost wie West als Glücksbringer und Boten des Frühlings, der für Neubeginn und Fruchtbarkeit steht. Der alte Glaube besagt: Wo ein Storch nistet, ist das Haus vor Ungemach geschützt.



