Umweltminister nach nächtlicher Wal-Kontrolle: Tier zeigt deutliche Stresssymptome
Umweltminister nach Wal-Kontrolle: Tier zeigt Stress

Nächtliche Kontrollfahrt offenbart Stress beim gestrandeten Buckelwal

Die dramatische Rettungsaktion für den seit Ende März in der Ostsee festsitzenden Buckelwal vor der Insel Poel nimmt eine neue Wendung. Nach einer nächtlichen Kontrollfahrt hat Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) nun klare Stresssymptome bei dem etwa zwölf Meter langen Meeressäuger festgestellt. Der Politiker näherte sich gemeinsam mit Experten der Landesfischereiaufsicht dem Tier mit einem Boot bis auf etwa 500 Meter und beobachtete dessen Verhalten über mehrere Stunden.

Atemfrequenz als deutlicher Indikator

„Die Atemfrequenzen lagen zunächst zwischen zwei und vier Minuten, wurden im Verlauf aber auch wieder langsamer“, erklärte Backhaus nach seiner nächtlichen Mission. Diese Veränderungen in der Atmung zeigten eindeutig, dass der Wal von den Ereignissen der vergangenen Tage und Wochen gestresst sei. Der Minister entschied sich bewusst, die gesamte Nacht auf einem Fischereiaufsichtsboot zu verbringen, um mit Nachtsichtgeräten die Entwicklung kontinuierlich beobachten zu können.

Seit mittlerweile fünf Tagen läuft vor Poel eine beispiellose Rettungsaktion, die von Media-Markt-Gründer Walter Gunz und Unternehmerin Karin Walter-Mommert finanziert wird. Ein Team aus privaten Helfern und Spezialfirmen versucht, den stark geschwächten Buckelwal aus dem flachen Gewässer zu befreien und in die offene See zu schleppen. Die Bilder des gestrandeten Meeressäugers hatten bundesweit eine Welle der Anteilnahme ausgelöst und eine intensive Debatte über das richtige Vorgehen entfacht.

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Kritische Stimmen mehren sich

Während die Rettungsversuche weitergehen, mehren sich kritische Stimmen von Experten. Meeresbiologe Fabian Ritter, der seit 20 Jahren im Wissenschaftsausschuss der Internationalen Walfangkommission tätig ist, äußerte sich deutlich skeptischer: „Dieser Wal macht, was er will. Er ist nicht zu kontrollieren und wir müssen jetzt endgültig einsehen, dass es für uns nicht möglich ist, diesen Wal aktiv zu retten“, sagte Ritter der Deutschen Presse-Agentur.

Auch die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte den aktuellen Rettungsversuch scharf. Ein Organisationssprecher betonte: „Das ist natürlich ein Megastress für das Tier. Der Wal hat die letzten Jahre ohne Kontakt zu Menschen verbracht, nun gibt es ständig Aktivitäten.“ Die ständige Präsenz von Booten und deren Motorenlärm belaste das ohnehin geschwächte Tier zusätzlich.

Technische Herausforderungen und gesundheitliche Risiken

Die technischen Herausforderungen der Rettungsaktion sind enorm. Ursprünglich sollte der Wal mit speziellen Gurten gezogen werden, doch diese Idee wurde verworfen – die Verletzungsgefahr für das Tier erschien zu groß. Stattdessen versuchen Helfer in Schlauchbooten, dem Wal die Richtung zum offenen Meer zu zeigen und ihn sanft zu leiten.

Meeresbiologe Boris Culik warnte vor den Gefahren des sinkenden Wasserstands: „Wenn dann 50 Zentimeter weniger Wasser da sind, entwickelt er ein unheimliches Gewicht, das auf seinen inneren Organen lastet. Dann würden die Organe gequetscht werden: die Lunge, das Herz, Leber und so weiter.“ Der Wal werde normalerweise komplett vom Wasser getragen, doch in der flachen Wismarbucht drohten ernsthafte innere Verletzungen.

Gesundheitliche Belastungen für alle Beteiligten

Die anhaltende Stresssituation hinterlässt nicht nur beim Wal Spuren. Umweltminister Backhaus gestand gegenüber der Bild-Zeitung: „Wenn das hier vorbei ist, dann muss ich erstmal überlegen, wie es weitergeht. Ich muss mich erholen. Was hier im Netz passiert, die ganzen Gruppierungen, diese Anfeindungen, das macht was mit einem.“ Der Minister räumte ein, in den vergangenen Wochen überhaupt wenig geschlafen zu haben.

Auch im Rettungsteam gab es gesundheitliche Ausfälle. Die Tierärztin der privaten Rettungsinitiative, Janine Bahr-van Gemmert, erkrankte und musste ins Krankenhaus gebracht werden, wie Backhaus bestätigte. Die physischen und psychischen Belastungen der mehrtägigen Rettungsaktion zeigten somit Wirkung bei allen Beteiligten.

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Ungewisse Zukunft für den Buckelwal

Die aktuelle Lage bleibt äußerst prekär. Der Wal bewegt sich zwar zeitweise, verharrt aber häufig an derselben Stelle am Übergang vom Kirchsee in die Wismarbucht. Experten vermuten, dass das Tier entweder so geschwächt ist, dass es bewusst in Küstennähe bleibt, oder so desorientiert, dass es den Weg zurück ins offene Meer nicht findet.

Sergio Bambaren, beteiligter Helfer und als „Wal-Flüsterer“ bekannt, gab auf Instagram einen realistischen Einblick: „Wir beobachten die Bewegungen mit fünf Booten. Das Tier wirkt ruhig und sieht gut aus, aber die Überlebenschancen stehen immer noch bei 50:50.“ Der Wal habe noch einen weiten Weg vor sich, sollte es ihm gelingen, die flache Bucht zu verlassen.

Das Schweriner Umweltministerium plant, den Wal bei nächster Gelegenheit mit einem GPS-Sender zu versehen. Damit ließe sich der Standort auch in tieferem Gewässer verfolgen, sollte der Wal tatsächlich die offene See erreichen. Bis dahin bleibt die Situation jedoch ungewiss – ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen sinkende Wasserstände und gegen die fortschreitende Erschöpfung des Meeressäugers.