Von der Kläranlage zur Schlagzeile: Der Weg der Drogenrückstände im Abwasser
Abwasserproben aus Kläranlagen ermöglichen tiefe Einblicke in den Konsum von Substanzen innerhalb einer Region. Bevor das Abwasser aufbereitet wird, enthält es zahlreiche Rückstände, die Rückschlüsse auf Gesundheit, Lebensstil und Umweltbelastung zulassen. Neben Resten von Koffein, Nikotin und Alkohol lassen sich auch Pestizide, Mikroplastik, Schmerzmittel, Antibiotika sowie Viren und Bakterien nachweisen. Insbesondere während der Corona-Pandemie gewann das Abwasser als Instrument für die Gesundheitspolitik an Bedeutung.
Die Studie: Messungen in Neubrandenburg und Neustrelitz
Für eine Untersuchung über Drogenrückstände im Abwasser hat die Technische Universität Dresden im Auftrag des NDR seit 2023 mehrmals Proben in den Kläranlagen der Stadtwerke in Neubrandenburg und Neustrelitz entnehmen lassen. In diesen Anlagen sammelt sich das Schmutzwasser von etwa 95.000 Menschen aus den Städten und ihrer näheren Umgebung. Allerdings fließt hier nicht nur häusliches Abwasser zusammen, sondern auch Gewerbe- und Industrieabwässer sowie Abwässer von Krankenhäusern, psychiatrischen Kliniken, Pendlern und Touristen. Dadurch lässt sich zwar das „wo“ exakt bestimmen, nicht jedoch das „woher“ der Substanzen.
Herausforderungen bei der Probenentnahme
Die zeitliche Komponente spielt eine entscheidende Rolle. Für die Studie wurden Einzelproben an acht Trockenwettertagen – einschließlich Werktagen und Wochenenden – innerhalb vorgegebener Zeiträume genommen. Diese Zeiträume variierten jedoch: 2023 erfolgten Messungen im Juni, 2024 im September und Oktober, 2025 im Juli und August. Somit fielen die Untersuchungstage mal in Schulferien, vorlesungsfreie Zeiten oder Tourismus-Hochsaisons, mal nicht. Beispielsweise wurde in Neustrelitz 2024 während des verlängerten Wochenendes um den Feiertag am 3. Oktober gemessen.
„Das kann einen Einfluss auf die Ergebnisse an diesem Standort haben“, heißt es in der Studie. Björn Helm, einer der Studienverantwortlichen der TU Dresden, betont, dass auch für einzelne Substanzen eine Saisonalität bestehe. Die Wissenschaftler messen Drogenrückstände seit Jahren deutschland- und europaweit, wobei diese Messungen typischerweise im Frühjahr stattfinden.
Unterschiede zwischen Klärwerken und Städten
Die Methodik der Probenentnahme variiert von Klärwerk zu Klärwerk. Abwasser kann abhängig von Zeit, Volumen oder Durchflussgeschwindigkeit gesammelt werden, was bedeutet, dass nicht jede Probe identische Ergebnisse liefert. Selbst bei gleichem Konsum können unterschiedliche Messwerte entstehen.
Zudem verfälschen Messungen in großen und kleinen Städten die Ergebnisse aufgrund unterschiedlicher Kanalisationssysteme. In Metropolen legen Abwässer oft längere Strecken zurück und verweilen länger im Kanalsystem, wodurch sich Substanzen chemisch verändern oder teilweise abbauen. In kleineren Städten wie Neubrandenburg und Neustrelitz können Rückstände vergleichsweise „frischer“ an der Kläranlage ankommen. Vergleiche zwischen Kleinstädten und Metropolen müssen diesen Effekt berücksichtigen.
Grenzen der Aussagekraft
Studienleiter Björn Helm räumt Ungenauigkeiten ein: „Wir haben durch die ganzen variablen Faktoren immer etwas Schwankungen drin“. Trotz Ausgleichsrechnungen können Abweichungen bis zu 30 Prozent betragen, was die Aussagekraft von Ranglisten abschwächt. Dennoch stellt die Methode der Abwassermessungen eine wertvolle Ergänzung zu etablierten Verfahren dar, um das Ausmaß des Drogenkonsums in ganzen Orten oder Gebieten zu erfassen.
Die Analyse von Drogenrückständen im Abwasser ist objektiver als Befragungen und realitätsnäher als Polizeibilanzen, liefert aber nur eine Annäherung, keine exakte Darstellung des Konsums. Die Daten verraten nicht, ob es sich um junge oder alte Menschen, Einwohner oder Pendler, wenige Intensivkonsumenten oder viele Gelegenheitsnutzer handelt. Dieser wichtige Hinweis taucht in der Berichterstattung oft nur am Ende von Artikeln oder Fernsehbeiträgen auf.
Neben unterschiedlich langen Kanalnetzen gibt es weitere Gründe, warum Messungen in kleinen und großen Städten bei gleichem Konsum unterschiedlich ausfallen können. Diese Aspekte werden im dritten Teil der Serie vertieft, der sich mit konkreten Messergebnissen und ihrer tatsächlichen Aussagekraft befasst.



