Wasserbankrott droht weltweit: Deutschland trägt Mitverantwortung für globale Wasserkrise
Wasserbankrott: Deutschland trägt Mitverantwortung für globale Krise

Wasserbankrott: Globale Krise mit deutscher Mitverantwortung

Ein aktueller Bericht der United Nations University warnt vor einer stillen Katastrophe: dem "Wasserbankrott". Weltweit drohen Seen zu verschwinden, Flüsse ihre Form zu verlieren und Grundwasser unumkehrbar zu sinken. Petra Döll, Professorin für Hydrologie an der Universität Frankfurt, betont, dass diese Entwicklung keine vorübergehende Krise darstellt und Deutschland längst Teil des Problems ist.

Was bedeutet Wasserbankrott?

"Dass mehr Wasser verbraucht wird, als sich erneuert", erklärt Döll. "Wie eine Firma, die mehr ausgibt, als sie einnimmt." Bisher sprach man von einer Wasserkrise, was Erholung suggerierte. Doch inzwischen ist klar: Viele Veränderungen lassen sich nicht mehr rückgängig machen.

Zwei Hauptursachen treiben diese Entwicklung voran:

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  1. Der unumkehrbare Klimawandel beeinflusst überall den Abfluss
  2. Die extreme Übernutzung verfügbaren Wassers

Beispielhaft zeigt sich dies am Aralsee, der durch jahrzehntelange Wasserableitung für Baumwollplantagen nahezu verschwunden ist. Heute existiert dort eine Salzwüste. Selbst bei vorhandenem Wasser ließe sich das ursprüngliche Gewässer nicht wiederherstellen.

Besonders betroffene Regionen

Folgende Gebiete sind laut Döll besonders bedroht:

  • Der Westen der USA
  • Teile Australiens
  • Der Nahe Osten
  • Teile Chinas, Pakistans und Indiens
  • Der Süden Spaniens

Besonders tragisch ist die Situation im Iran, wo der einst größte Binnensee des Nahen Ostens, der Urmiasee, im Herbst erstmals vollständig austrocknete. Durch massiven Ausbau der Landwirtschaft mit wasserintensiven Kulturen und tiefen Brunnenbohrungen sanken die Grundwasserspiegel dramatisch.

Landwirtschaft als entscheidender Faktor

70 Prozent des weltweiten Süßwasserverbrauchs werden für die Bewässerung von Nahrungsmitteln und Baumwolle verwendet. Während Haushaltswasser größtenteils in Flüsse zurückgelangt, verdunstet ein großer Teil des Bewässerungswassers und ist vor Ort verloren.

Entsalzung von Meerwasser stellt keine einfache Lösung dar. Der Prozess benötigt enorm viel Energie, ist teuer und klimaschädlich, sofern der Strom nicht aus erneuerbaren Quellen stammt. Zudem schädigt die hoch salzige Sole, die zurück ins Meer geleitet wird, marine Ökosysteme.

Folgen: Migration und Instabilität

Wasserknappheit führt wahrscheinlich zu mehr Migration. Wenn Menschen ihre Nahrungsgrundlage und Einkommen verlieren, fliehen sie in andere Regionen. Die großen Migrationsströme in und aus Syrien werden teilweise auf fehlendes Wasser zurückgeführt.

Schrumpfende Wasserressourcen können politische Instabilität, Migration und Gewalt fördern. Zwar lösen sie allein bislang keinen Krieg aus, erzeugen aber Zusatzstress, der Konflikte wahrscheinlicher macht. Der Zugang zu Wasser wird zunehmend zum taktischen Mittel in bestehenden Konflikten.

Deutschlands Mitverantwortung

"Deutschland ist für diese weltweite Lage mitverantwortlich", betont Döll. Wir importieren Produkte, deren Herstellung sehr viel Wasser verbraucht. Erdbeeren aus Almeria, billige Kleidung aus Baumwolle in wasserknappen Ländern und tierische Lebensmittel tragen zur globalen Wasserkrise bei.

Ein Kilo Brot verbraucht im Schnitt nur ein Zehntel so viel Wasser wie die gleiche Menge tierischer Produkte. Unser Konsumverhalten hat direkte Auswirkungen auf Wasserknappheit in anderen Regionen.

Deutschlands eigene Wasserprobleme

Zwar droht Deutschland kein Wasserbankrott in Bezug auf die Menge – das Land bleibt wasserreich mit verhältnismäßig viel Niederschlag. Doch die Wasserqualität hat sich unumkehrbar verändert.

Grundwasser und Gewässer sind vielerorts mit PFAS, Arzneimitteln und Mikroplastik verschmutzt. Laut einer Studie der Universität Bonn schwimmen allein im Rhein täglich mehr als 50.000 Müllteile an Köln vorbei, die größer als Mikroplastik sind.

Die EU-Wasserrahmenrichtlinie sieht vor, alle Gewässer in einen guten ökologischen Zustand zu bringen. Dies ist jedoch nicht mehr vollständig möglich: Viele Stoffe lassen sich nicht entfernen, verlorene Tiere und Pflanzen kehren nicht zurück, veränderte Flussbetten lassen sich nicht einfach zurückverschieben.

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Begrenzte Lösungsmöglichkeiten

Selbst modernste Klärwerke, die künftig EU-weit auch Medikamente und Mikroschadstoffe entfernen sollen, bieten nur teilweise Abhilfe. Viele Stoffe lassen sich nicht vollständig entfernen, und verschmutztes Wasser gelangt nicht nur über Kläranlagen in Flüsse. Pestizide und Düngemittel wandern über Felder ins Grundwasser, das wiederum Flüsse speist.

Die schlechtere Wasserqualität hat konkrete Folgen: Arten verschwinden, etwa Muscheln, die das Wasser reinigen. Sinkende Artenvielfalt macht Gewässer anfälliger gegenüber Klimawandel und Schadstoffen, was zu Algenblüten oder Fischsterben führen kann.

Der Wasserbericht im Überblick

Mehr als die Hälfte der großen Seen weltweit haben seit den 1990er-Jahren große Wassermengen verloren. Zwei Drittel der großen Grundwasserleiter gehen deutlich zurück. Zunehmend mehr Flüsse fließen jedes Jahr zeitweise nicht mehr bis ins Meer, ein Drittel der Gletscher ist seit den 1970er-Jahren verschwunden.

Etwa vier Milliarden Menschen leiden mindestens einen Monat im Jahr unter schwerer Wasserknappheit, drei Milliarden leben in Gebieten mit schrumpfenden Wasservorräten. Die stille Katastrophe des Wasserbankrotts betrifft bereits heute einen erheblichen Teil der Weltbevölkerung.