Der neue Kinofilm „Minions & Monster“ entführt die gelben Chaoten nach Hollywood, wo sie einen Monsterfilm drehen. Sinn ergibt das wenig – aber das ist auch nicht der Anspruch. Andreas Busche analysiert, warum die Minions trotz ihrer nervigen Art so erfolgreich sind.
Die Rückkehr der Stummfilmdiva
Warum sollte es den Minions anders ergehen als Norma Desmond, der gefallenen Stummfilmdiva aus Billy Wilders „Boulevard der Dämmerung“? Der Beginn der Tonfilm-Ära beendete in den späten 1920er Jahren die Karrieren vieler Stummfilmstars, deren Stimmen plötzlich nicht mehr zu ihren Leinwand-Personas passten. Auch die Minions haben ein Problem: Ihr Cartoon-Esperanto, das Schöpfer Pierre Coffin einst als „liebenswerte Idioten“ bezeichnete, macht sie mit der technischen Neuerung in Hollywood über Nacht unanstellbar.
Die Handlung: Minions als Filmemacher
Im Film sind Henry und James, die Filmnerds der Truppe, auf sich allein gestellt. Ausgerüstet mit einer Filmkamera, einem Abschiedsgeschenk des exzentrischen Regisseurs Max (gesprochen von Christoph Waltz), beschließen sie, der Welt einen Monsterfilm zu schenken. Die Kreaturen stammen aus dem Buch eines bösen Zauberers, dessen Weg die Minions in der frühen Menschheitsgeschichte auf ihrer Suche nach einem „Big Boss“ kreuzten.
Vom Sidekick zum Star
Der Aufstieg der Minions von Sidekicks des Superschurken Gru zu eigenständigen Stars ist eine der unwahrscheinlichsten Erfolgsgeschichten Hollywoods. Während familienfreundliche Unterhaltung heute oft auf bestehenden Produkten wie Videospielen oder Spielzeug basiert, eroberten die Minions die Spielzeugregale vom Kino aus. Erstmals 2010 traten sie in „Ich – Einfach unverbesserlich“ auf.
Der dritte Solofilm der kleinen Quälgeister (der siebte insgesamt) erzählt nun als Prequel ihre Origin Story in Hollywood. „Minions & Monster“ ist eine Hommage an das frühe Kino, mit Cameo-Auftritten von Kevin, Stuart, Bob und ihren Hunderten von Lookalikes in Filmen der Brüder Lumière, den Fantasy-Werken von Georges Méliès und den Slapstickfilmen von Charlie Chaplin. Das Episodische der frühen Filmbilder, die mehr von Action als von einer Handlung geprägt waren, spiegelt die Eskapaden der Minions wider.
Der Reiz der Einfachheit
In dieser Einfachheit lag von Anfang an der Reiz der Minions. Sie unterhalten Kinder mit absurden Volten und einer frühkindlichen Freude am Chaos, während Eltern ihr im Alltag verwahrlostes inneres Kind wiederentdecken können. Ursprünglich war ihre liebenswerte Boshaftigkeit nur als Pausenfüller für die Untaten des Hauptschurken gedacht. Doch schon mit dem ersten Solofilm von 2015 erwies sich der Erfindungsreichtum ihrer Zerstörungslust auch ohne klassische Dramaturgie als tragfähige Unterhaltung. Die gelbe Welle schwappte aus den Kinderzimmern in die Welt, in Spielzeug- und Kühlregale.
Angesichts der täglichen Katastrophennachrichten konstatiert Busche: „Ein bisschen mehr Gelb kann die Welt gerade wirklich gut gebrauchen.“
Eine Liebeserklärung ans Kino
Die Liebeserklärung an das Kino war längst überfällig. Die Minions sind eine Wiederkehr der tumultigen Anfangstage des „Kinos der Attraktion“: Action, Anarchie und Wahnwitz. Mit ihrem Monsterfilm sind sie bei ihren eigenen Ursprüngen angekommen. Diese Cinephilie ist liebevoll bis ins kleinste Detail von Coffin auserzählt – unter anderem mit einem George-Lucas-Cameo. Gleich am Anfang wird ein Filmset in Schutt und Asche gelegt, „Citizen Kane“ bekommt eine neue Schlusspointe inklusive Furzwitz, und am Ende wird Los Angeles von einem orangefarbenen Schleimball dem Erdboden gleichgemacht. Busche wettet, dass „Minions & Monster“ in diesem Sommer mehr Menschen in die Kinos lockt als jeder zerstörungswütige Superheldenfilm.
Der Charme des Schöpfers
Der Charme von „Minions & Monster“ liegt darin, dass die Handschrift des Schöpfers noch immer zu erkennen ist. Im Gegensatz zu postmodern-zitathaften Studio-Animationsfilmen bleiben die Minions ihrem infantilen Spieltrieb treu. Außerdem bestätigt sich die These, dass den knuddeligsten Knuddelmonstern am allerwenigsten zu trauen ist.



