In einer Psychotherapiepraxis in Berlin-Neukölln liegen zwei Frauen auf dem Holzfußboden. Ihre Augen sind mit Masken bedeckt, sie atmen laut und gleichmäßig. Im Hintergrund läuft Musik. Eine von ihnen weint. Vor ihnen sitzt Andrea Mineo, ein italienischer Künstler und Breathwork-Anleiter. Er begleitet Menschen beim bewussten Atmen. „Meine Rolle ist es, unsichtbare oder noch nicht sichtbare Prozesse erfahrbar zu machen – besonders emotionale“, sagt Mineo.
Die Methode: Neuro-Somatic Breathwork
Mineo hat eine eigene Methode entwickelt, die er „Neuro-Somatic Breathwork™“ nennt. Die Teilnehmenden atmen über längere Zeit bewusst und intensiv durch den Mund. Ziel ist es, das rationale Kontrollzentrum – das „Grübel-Gehirn“ – in den Hintergrund treten zu lassen. Dabei entstehen Gefühle, Körperreaktionen und innere Bilder, die Hinweise auf tiefsitzende Themen geben können. „Es geht um das, was entsteht – und einen neuen Zugang zu sich selbst“, erklärt Mineo.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Wirkung von intensivem Atmen auf Körper und Psyche wird zunehmend erforscht. Eine Studie der Sussex Medical School aus dem Jahr 2025 fand Hinweise auf veränderte Aktivität und Durchblutung in emotionalen Gehirnzentren durch Atemtechniken in Kombination mit Musik. Die Forschung dazu entwickelt sich noch, aber die Ergebnisse deuten auf ein großes Potenzial hin.
Persönliche Erfahrung des Anleiters
Mineo selbst kam vor über zehn Jahren erstmals mit Breathwork in Kontakt. Damals litt er unter einem psychosomatischen Hautausschlag. „Ich konnte auf einmal erkennen, dass dieser Ausschlag mich beschützen wollte“, sagt er. Nach zwei Stunden fühlte er sich deutlich friedlicher. „Nach einigen Breathwork-Sitzungen konnte ich meine Emotionen besser verarbeiten und regulieren, und dadurch verbesserte sich auch meine Haut“, so Mineo. Auch die Angst vor dem Urteil anderer wurde kleiner.
Breathwork als künstlerische Inspiration
Seitdem nutzt Mineo Breathwork, um seine Emotionen zu verarbeiten. Die Ausbildung zum Anleiter löste für ihn, der hauptberuflich als selbstständiger Künstler arbeitet, ein weiteres Problem: „Ein Nebenjob gibt mir die Freiheit, meine Kunst unabhängig und ohne wirtschaftlichen Druck zu entwickeln“, sagt er. Er trenne seine finanzielle Sicherheit bewusst von seiner künstlerischen Arbeit. Diese Sicherheit ermöglicht ihm die Miete seines Studios in der Kienitzer Straße 98.
Kunstwerke mit gesellschaftskritischem Humor
In seinem Atelier sitzt Mineo in einem Sitzsack, neben ihm eine lebensgroße Skulptur eines eingefrorenen Lieferando-Fahrers. Am Wochenende hatte er sein Atelier für das Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“ geöffnet. Dort präsentierte er einen Kronleuchter aus selbstgebackenem Brot und ein Sofa mit Logos verschiedener Jobcenter. „Als ich das gebaut habe, musste ich einfach lachen“, sagt Mineo. Auf die Bemerkung, dass ein Brief mit Jobcenter-Logo bei vielen Menschen eher Sorge auslöst, ergänzt er: „Das Jobcenter-Sofa war für mich eine Art Ritual, um die tief sitzende Angst vor Arbeitslosigkeit und den Widerspruch unseres Systems durch Humor sichtbar zu machen.“
Verbindung von Breathwork und Kunst
Kunst eröffne eine andere Perspektive auf die harten und komplexen Realitäten der Welt. Ähnlich wie beim Breathwork dienen Mineo herausfordernde Emotionen als Material für seine Arbeit. Um beides zu verbinden, gibt er den beiden Frauen am Ende der Breathwork-Session ein Stück Ton – eine Einladung, mit den Händen auszudrücken, was sie innerlich bewegt. „Ich habe gerade eine sehr schwere Zeit“, sagt eine der Frauen mit belegter Stimme. Beim Breathwork sei ihr klar geworden, dass sie jetzt in Sicherheit ist. In ihrer Hand hält sie einen Kegel aus Ton. Hunderte solcher Skulpturen sammeln sich mittlerweile auf einem Tisch in seinem Atelier: eine vertrocknete Rose, ein Schiff, ein Kreisel, ein Knochen. Jede einzelne hebt er auf.



