Sechs Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, in einer Hausgemeinschaft in Moldawien, muss jeder gucken, wo er bleibt. Ana-Felicia Scutelnicus gelingt mit „Transit Times“ ein spektakuläres Portrait einer Familie im langsamen Zerfall. In dieser Woche gibt es außerdem zu sehen: unglücklich Liebende, ungewöhnliche Pilger, ein krimineller Klavierstimmer und Hollywoods liebenswerteste Quälgeister.
„Transit Times“: Coming-of-Age im Schatten des Zerfalls
Eva (Arina Mura) ist 16 und lebt kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Moldawien. Freunde und Nachbarn verlassen scharenweise das Land, die Erwachsenen sind orientierungslos. Evas Eltern kämpfen: Ihre Mutter (Marína Palii) kommt eigentlich vom Theater, verkauft aber jetzt Schnaps und vermietet die Wohnung an die ersten Touristen aus dem Westen. Der Vater (Ion Munteanu) weigert sich, seine Existenz als freier Künstler zu überdenken, obwohl niemand mehr Bilder kauft. Eva selbst, eine begabte Pianistin, wandelt mit kühler Eleganz durch diesen Film. Sie spricht wenig, und nur mit dem behinderten Nachbarsjungen tobt sie ausgelassen durch die Straßen. Diese unspektakuläre, genau beobachtete Geschichte ist eine lohnende Zeitreise, deren Stimmung von Krise und Umbruch fies aktuell wirkt.
„Minions & Monster“: Die gelben Quälgeister erobern Hollywood
Der dritte Solofilm der Minions erzählt als Prequel ihre unglaubliche Origin Story in Hollywood. Schöpfer Pierre Coffin zeigt, was die Minions nach Hollywood verschlagen hat. Die Einführung des Tonfilms Ende der 1920er-Jahre macht die gelben ADHS-Speedballs mit ihrem Cartoon-Esperanto in Hollywood unvermittelbar. Ausgerüstet mit einer Filmkamera als Abschiedsgeschenk des exzentrischen Regisseurs Max (gesprochen von Christoph Waltz) beschließen sie, der Welt einen Monsterfilm zu schenken. Der Charme des Films liegt in der liebevollen Cinephilie bis ins kleinste Detail. Die Minions-Filme bleiben ihrem infantilen Spieltrieb treu, der bis zur physischen Comedy des frühen Stummfilmkinos zurückreicht.
„The Piano Tuner“: Ein absolutes Gehör als Fluch und Segen
Nicki (Leo Woodall) verfügt über das absolute Gehör und leidet gleichzeitig an einer Hyperakusis – einer Krankheit, bei der jedes Geräusch um ein Vielfaches verstärkt wahrgenommen wird. Mit seinem Mentor Harry (Dustin Hoffman) arbeitet er in New York als Klavierstimmer. Bei einem Einsatz in einer Villa trifft er auf den Einbrecher Uri (Lior Raz), der ihn aufgrund seines Talents als Tresorknacker einstellt. Bei einem anderen Auftrag lernt er die Kompositionsstudentin Ruthie (Havana Rose Liu) kennen. Daniel Rohers Spielfilmdebüt zeigt seine bewiesene Achtsamkeit aus Dokumentarfilmen wie „Nawalny“. Der Film funktioniert als Charakterstudie, konventioneller Crime-Thriller, Musikfilm und romantische Komödie. Mit der Lässigkeit einer Jazz-Improvisation verbindet Roher die verschiedenen Zutaten, zusammengehalten durch die fantastische Performance von „White Lotus“-Newcomer Leo Woodall.
„Eine stürmische Affäre“: Zögerliche Liebe in Italien
Ludovica Rampoldis Spielfilmdebüt zeigt die Affäre zwischen dem Seismologen Rocco und der Autorin Lea, die eher zögerlich und lakonisch ist. Die wunderbare Anfangssequenz wechselt zur Musik von Rossinis „Aschenputtel“-Ouvertüre beim Schachboxen zwischen Intellekt und purer Körperlichkeit. Die symbolhafte Aufladung ist nicht immer subtil, aber ein Riesenspaß. Rampoldi und ihre Schauspieler schaffen es, dass einem alle Beteiligten dieses Liebeskleeblatts ans Herz wachsen. Der nüchterne Originaltitel lautet „Breve storia d’amore“ – „Eine kurze Liebesgeschichte“.
„Die Camino-Therapie – Finde deinen Weg“: Pilgern auf dem Jakobsweg
Regisseur Yann Samuell lässt die Lehrerin Fred, die plötzlich ohne Job, Mann und Tochter dasteht, und den renitenten Jugendlichen Adam die 2000 Kilometer lange Reise nach Santiago de Compostela antreten. Die Landschaft ist atemberaubend schön, die moralische Botschaft überschaubar. Das Ergebnis überrascht nicht: Gegensätzliches versöhnt sich, Altlasten werden abgeworfen. Fred und Adam kommen anders raus, und auch die Zuschauer mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
„Dry Leaf“: Ein modernes Märchen aus Georgien
Der georgische Regisseur Alexandre Koberidze ist ein moderner Märchenerzähler. In seinem dritten Film „Dry Leaf“ wird die Sicht des Betrachters durch eine Fehlfunktion getrübt, die die Vergänglichkeit des digitalen Filmbilds illustriert. Gedreht auf einem Uralt-Handy, erhalten die grob verpixelten Bilder durch den Schleier der technischen Obsoleszenz eine spezielle Poesie. Fußball ist der Aufhänger für die Reise von Irakli (David Koberidze, der Vater des Regisseurs), der seine Tochter Lisa sucht, eine Fotografin, die den Kontakt zur Familie abgebrochen hat. Der Roadtrip entfaltet seinen ganz eigenen Zauber.



