Graphic Novel „Das Ritual“: Menschlichkeit gegen Monsterkult
Graphic Novel „Das Ritual“: Menschlichkeit gegen Monster

Es ist nur ein kleiner Piks, doch die Folgen sind fatal. Wer einmal von den spitzen Zungen und Schnäbeln der Monstervögel gestochen wurde, wird selbst zum Monster und hat nicht mehr lange zu leben. Der Nachtportier Jan stellt sich der Invasion der mörderischen Kreaturen entgegen. Als ein von übernatürlichen Wesen mit Superkräften geleiteter Monsterkult, der alle 107 Jahre ein blutiges Ritual veranstaltet, ausgerechnet sein Wohnhaus zur Opferstätte erklärt, nimmt er den Kampf auf und versucht, die Menschen zu retten, die ihm etwas bedeuten.

Virtuose Bilderfolgen

Der Plot des jetzt als Graphic Novel veröffentlichten Dämonen-Thrillers „Das Ritual“ greift auf vertraute Motive des Horror-Genres zurück. Geschrieben hat die Story der Autor Aaron Craemer, dessen Drehbuch „Der Nachportier“ die Grundlage des Comics bildet. Doch die Art, wie der Berliner Comiczeichner Thomas Gronle alias Legron die Geschichte in Bilder umsetzt, ist originell und von einem ganz eigenen visuellen Stil geprägt. Gronle erweckt die Figuren darin mit virtuosen Bilderfolgen zum Leben, die meisterhaft unterschiedliche stilistische Einflüsse kombinieren. Spitzohrige Schakale aus der ägyptischen Mythologie treffen in „Das Ritual“ auf Sagengestalten aus anderen Weltgegenden.

Der Zeichner hat sich in den vergangenen Jahren als kommerzieller Illustrator mit stark stilisierten digitalen Bildern wie auch als Mitglied der Berliner Künstlergruppe Moga Mobo einen Namen gemacht. Diese hat in den vergangenen rund 30 Jahren zahlreiche Gemeinschaftswerke veröffentlicht, meist in Form kostenlos verteilter, werbefinanzierter Gratis-Magazine, zu denen Gronle etliche kürzere Comics beigesteuert hat.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Stilistische Kontraste

In „Das Ritual“ treffen klare, mit kräftigen Linien ausgeführte Umrisszeichnungen für die menschlichen Figuren auf tiefschwarze, expressionistische Tintenbilder, mit denen Gronle die Monsterfiguren gezeichnet hat. Eine freundlich wirkende, in pastelligem Rosa, Lila und Blau kolorierte und an Online-Comics, Videospiel-Designs und Auftragsillustrationen geschulte Ästhetik kontrastiert er mit düsteren, alle Panel-Grenzen sprengenden Actionszenen, bei denen man dank klarer Leserführung trotzdem nie den Überblick verliert.

Der Plot ist packend und doch vielschichtig genug, um neben dem Überlebenskampf von Jan und den Menschen aus seinem Umfeld weitere Nebenhandlungen einzuflechten, die „Das Ritual“ zu einer auch emotional anrührenden Lektüre machen. Der Nachtportier, der das Herz am rechten Fleck hat, lebt zusammen mit seiner pflegebedürftigen Mutter in einem Hochhausblock in einem rauen Viertel einer nicht namentlich genannten Stadt. Seine Nachbarn sind Dealer und Schläger, fragwürdige Freunde und vernachlässigte Kinder.

Prekäre Verhältnisse, unerfüllte Träume

Thomas Gronle und Aaron Craemer nehmen sich zwischen den Actionszenen Zeit, den Alltag dieser Nebenfiguren zu beleuchten und in lebensnahen, pointierten Dialogen von prekären Verhältnissen, unerfüllten Träumen und kleinen Gesten der Menschlichkeit zu erzählen. Das ist einfühlsam geschildert und immer wieder auch witzig. Zum Beispiel wenn ein zum Monologisieren neigender Drogenhändler über Halluzinogene und Türen zu anderen Welten schwadroniert, während vor seiner Tür die Monster seine Nachbarn nach und nach in andere Welten befördern.

Jan ist in diesem Mikrokosmos die gute Seele. Mit Einfallsreichtum und der Hilfe einer abtrünnigen Nachwuchs-Dämonin stellt er sich den Monstern entgegen, die visuell ein kulturgeschichtliches Sammelsurium darstellen: Während spitzohrige Schakale mit Skarabäus-Halsbändern offensichtlich von der ägyptischen Mythologie inspiriert sind, erinnern andere Figuren wie die als Götterboten fungierenden Kolibris eher an lateinamerikanische Glaubensvorstellungen. Zudem finden sich hier optische Bezüge zu nordischen Sagengestalten und christlichen Legenden.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Die erzählerischen Möglichkeiten der Kunstform Comic kommen auf den fast 200 Seiten des Buches meisterhaft zum Einsatz. Manche Panels strotzen vor Details, wie die in der Roboterwerkstatt eines Tüftler-Nachbarn von Jan. Andere sind im Dienst der Handlung auf wenige Umrisslinien oder Striche reduziert. Ständige Perspektivwechsel vermitteln einerseits große Nähe zu einzelnen Figuren und geben dann immer wieder Raum für Gruppenszenen, in denen viele Dinge gleichzeitig passieren. Besonderen Wert legt Gronle auf Soundwords, die oft Teil der Bildkomposition sind, sowie grafisch dargestellte Klänge: Musik und deren visuelle Darstellung spielen sowohl bei den Handlungen des Monsterkultes als auch bei der Beschreibung des Alltags der Figuren eine wichtige Rolle, immer wieder ziehen sich Notenlinien und gezeichnete Töne durch die Panelfolgen.

Dass Thomas Gronle ein versierter Bild-Erzähler ist, hat der an der Kunsthochschule Saarbrücken und am Brüsseler Comic-Institut Saint-Luc ausgebildete Künstler in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits mit einem umfassenden Oeuvre immer wieder unter Beweis gestellt. Für sein neues Buch hat er sein handwerkliches Repertoire auf beeindruckende Weise noch einmal erweitert und zeigt sich auf der Höhe seiner Kunst.