Kae Tempests neuer Roman: Eine suchende Transfigur am Rand eines zerbrechlichen Lebens
Kae Tempests neuer Roman: Eine suchende Transfigur am Rand eines zerbrechlichen Lebens

Edgecliff ist ein windiger Ort an der britischen Küste, undefiniert, fiktiv und doch konkret: baufällige Reihenhäuser, ein Strand, grüne Hügel dahinter, Industriebrachen und Läden voller billigem Luxus in der High Street. Rothko kehrt nach 20 Jahren Knast zurück – weshalb, erfahren wir erst am Ende der Geschichte. Die beginnt im Oktober 2026, also in der unmittelbaren Zukunft.

Rothko ist eine Transperson, hat die Pronomen „dey“ und „demm“. Das ist beim Lesen erst mal unvertraut, mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran – und in diesem Fall ist es unumgänglich: Denn die Suche Rothkos nach geschlechtlicher Identität ist der Kern des Romans. Rothko versucht mit 36 Jahren ein neues Leben zu beginnen, hat Aushilfsjobs und lebt in einem Transporter auf einem Baugrundstück mit anderen queeren Personen.

Illusionslos und vorsichtig tritt Rothko in die Geschichte, trinkt das erste Bier in einem Pub, nippt am Alltag, beobachtet die Umgebung. Der Spitzname „Rothko“ kommt von der Mutter, weil Rothko – damals noch Molly – ständig rot wurde, vielleicht rot wie die Bilder des gleichnamigen US-amerikanischen Künstlers, wer weiß? Die Scham begleitet Rothko schon im Namen, wie ein Stigma.

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Kae Tempest verwendet kurze, aufflackernde Sprachbilder, prägnante Schlaglichter im Vorübergehen. Er zeichnet ein fragiles Leben, das seine Stärke aus dem Leben an der Kante speist. Edgecliff ist buchstäblich ein Ort am Rand. Rothko stand schon viele Male dort, am Rand. Der Buchtitel „Ein Leben lang gesucht“ ist Teil eines jüdischen Gebets an Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung: „Wir sind aus Staub gemacht und kehren zum Staub zurück, haben ein Leben lang gesucht nach Halt.“

Und so geht es auch um Versöhnung mit sich selbst, der drogensüchtigen Mutter, dem abwesenden Vater, den verpassten Chancen. Kae Tempest springt aus der Erzählgegenwart ins Jahr 2006 zurück, damals, als Rothko in der Schule gemobbt wurde, die ersten sexuellen Erfahrungen machte und sich in die zwei Jahre ältere Dionne verliebte – eine Flucht aus der Isolation.

Die unerwiderte Liebe der Mutter, die Drogen, der Verrat am besten Freund, alles eskaliert: Der Roman ist hart wie Kiesel und gleichzeitig weich, hauchzart. Kae Tempest schreibt ihn mit einzigartiger Sprachmelodie, als rohes Gedicht mit offenem Ende. Und dann ist da noch Angel Douglas, Schülerin an einer anderen Schule, die Rothko wie zufällig durch die Jahrzehnte begleitet als ein Schatten, eine Bedrohung...

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