Die Künstlerin Katja Liebmann beschäftigt sich in ihren komplexen Aufnahmen mit dem eigenen Bewegungsprofil: der Zeit in Ostberlin, dem Erleben nach der Wende und Eindrücken zahlreicher Reisen. Ihre Werke sind in der Galerie Dittmar zu sehen.
Zeichnen im fahrenden Bus
Kann man im fahrenden Bus zeichnen? Zumindest dann, wenn die Augen nur auf die vorbeigleitenden Häuserwelten gerichtet sind und es der Hand überlassen wird, mit der Nadel wirr geschwungene Linien auf eine Kupferplatte zu kratzen. Entstehen so Kunstwerke aus dem Reich des Unbewussten oder lediglich als Echo auf die Fahrbewegungen? Katja Liebmann ließ es dabei nicht bewenden, sondern versetzte die seismografische Zeichnung in eine gleichzeitig entstandene Fotografie und schuf auf diese Weise die verschlüsselte Montage einer unterbewusst entstandenen Zeichnung und eines realen Anblicks.
Die ambitionierte kleine Serie aus dem Jahr 1994 kann stellvertretend für ihr Konzept stehen: Außenwelt fotografisch zu bannen und zugleich von sich selbst zu sprechen – von der 1965 in Halle geborenen, in Ostberlin aufgewachsenen und seit der Wende umtriebigen Künstlerin. Zuerst waren da die Brücken zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt, schwarze Eisenkonstruktionen unter fahlem Himmel. Eine Häuserzeile wird nur gestreift, dafür stoppt der Blick am Brückenaufbau wie vor einem Hindernis bei der Fahrt. Später fotografiert sich die junge Künstlerin selbst im bedeutungslos gewordenen Mauerstreifen im Gras liegend, mit geschlossenen Augen. Am Horizont ragt ein grauer Häuserblock wie eine Erinnerung an das Gestern.
Stationen einer Künstlerbiografie
Peter Dittmar, seit Jahren Liebmanns verlässlicher Galerist, hat im Katalog zur Ausstellung (Galeriepreis 20 Euro, im Handel 28 Euro) mit beispielhafter Genauigkeit die Stationen ihrer Biografie zusammengetragen. Noch 1989 begann die gelernte Schriftsetzerin ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, wechselte aber zwei Jahre später an die Kunsthochschule in Berlin-Weißensee und wurde Meisterschülerin bei dem renommierten Maler Dieter Goltzsche, der zu ihren Kaltnadelradierungen aus dem fahrenden Bus womöglich manche Anregung gab.
Schon 1995 bot sich die Chance zu einem zweijährigen Masterstudiengang für Druckgrafik am Royal College of Art London. Das Experimentieren mit historischen Verfahren wie Salz-, Platin- und Braundruck, vor allem der Cyanotypie sowie Arbeiten mit der Camera Obscura, wurde fortan zu einem Markenzeichen von Liebmanns Druckgrafik. Auszeichnungen blieben nicht aus: eine Nominierung für den Kunstpreis der Citibank, Ausstellungen in bedeutenden Galerien und eine Dozentur am London College of Printing. Ein Stipendium der Hasselblad Foundation in Göteborg steht am Ende dieser überaus produktiven Zwischenzeit bis zur Rückkehr nach Berlin im Jahr 2000.
Von der Nordsee bis nach Berlin
Dank ihrer 2002 begonnenen Dozentur an der Universität in Oldenburg sollte der Großstädterin auch die ostfriesische Landschaft vertraut werden. Cyanotypien bannen Wellenberge der Nordsee. In Berlin entsteht die schöne „Busfahrt im Regen“: Der Blick durch die nasse Windschutzscheibe des Autos ruft unwillkürlich Erinnerungen an ein impressionistisches Bild von Pissarro auf, nur eben in Schwarz-Weiß. Frontalansichten Altberliner Mietshäuser assoziieren Gemälde von Konrad Knebel und ein seinerzeit viel gelesenes Buch, „Berliner Mietshäuser“ ihrer Mutter Irina Liebmann.
Alle diese faszinierenden, eher druckgrafischen Werke als bloße Fotografien halten sich zwar an der sichtbaren Realität fest, sind jedoch gleichzeitig als Echos einer unruhigen Seelenlage zu verstehen, die sich auch einmal philosophischen Rat holt, wie die schwarz-weiße Bildfolge „Kierkegaard lesend“ von 2002 demonstriert. Treffender als mit dem englischen Autor Brian Dillon im Katalog könnte man es kaum sagen: „Immer hat man in Katja Liebmanns Werk das Gefühl, dass die Künstlerin selbst eine ebenso rätselhafte und schwankende Präsenz besitzt wie die Gebäude, Straßen und Landschaften, die sie fotografiert.“
Winterreise und innere Ruhe
Innere Ruhe scheint die Fotografin mit ihrer 2024 unternommenen „Winterreise“ gefunden zu haben: Kahle Bäume starren in den Himmel, ihre Äste spiegelt der Schnee. Eine andere Cyanotypie bekennt sich zur „Langsamkeit“. Im gleichen Jahr noch geht die Fahrt über nächtliche, regennasse Straßen in Berlin schon weiter. Die Preise der 15 ausgewählten Arbeiten liegen zwischen 5600 und 6200 Euro.



