Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann: Ein dokumentarisches Porträt
In ihrem neuen Dokumentarfilm „Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war“ widmet sich Regina Schilling der berühmten österreichischen Schriftstellerin. Die Oscar-nominierte Schauspielerin Sandra Hüller verkörpert Bachmann in einem ungewöhnlichen Format: Statt einer klassischen Biografie zeigt der Film einen fiktiven Tag in Bachmanns letzten Jahren in Rom, alkohol- und tablettenabhängig, allein und zurückgezogen.
Der Film ist ein Mix aus improvisierten Szenen, Archivmaterial und Bachmanns eigener Stimme. Hüller spricht nie als klassische Filmfigur, sondern verkörpert die Schriftstellerin indirekt, während sie durch eine römische Wohnung läuft, gekleidet in einen babyblauen Bademantel, stets rauchend. Aus dem Off ertönen Bachmanns Texte oder Texte über sie.
Geschlechterverhältnisse im Literaturbetrieb
Ein zentrales Thema des Films sind die Geschlechterverhältnisse, mit denen Bachmann zu kämpfen hatte. Der Film zeigt verstörende historische Urteile über die Autorin. So schrieb ein gemeinsamer Freund an Bachmanns Partner Paul Celan: „Ich glaube, es wäre gut, wenn du Inge nicht mehr wiedersehen wolltest, da sie sehr unfraulich ist und nur nach ihrer eigenen Wirrnis leben kann.“ Auch ein Interviewausschnitt mit Marcel Reich-Ranicki wird eingespielt, in dem er sagt, dass Frauen „offenbar zu anderen Funktionen im Leben vor allem bestimmt sind“.
Der Herausgeber Hermann Hakel unterstellte Bachmann einen „krankhaften“ und „herrschsüchtigen Ehrgeiz“. Andere bezeichneten sie als peinlich, exhibitionistisch oder „sicher ein sehr schwieriger Mensch“. Über ihren Partner Max Frisch, der seine Beziehung zu Bachmann literarisch verarbeitete, gab es solche Zitate damals nicht.
Bachmanns Werk und ihre persönlichen Kämpfe
Der Film zeigt Bachmann nicht nur als Opfer, sondern fokussiert auf ihr sprechendes Werk. Ihr Roman „Malina“, mit dem der Film beginnt und endet, thematisiert politische und zwischenmenschliche Gewalt. Bachmann setzte sich darin mit dem Fortwirken des Faschismus nach Kriegsende auseinander, lange bevor dies in Österreich ein öffentliches Thema wurde.
Im Film ist Bachmanns Zitat zu hören: „Ich bin keine Frau. Ich will sagen: Ich bin nicht ganz eine Frau. Ich bin ein Irrtum.“ Schilling deutet an, dass dieser Identitätskonflikt mit Bachmanns Gebärmutterentfernung oder ihrer Rolle als Intellektuelle zusammenhängen könnte. Hüller ergänzt: „Dadurch, dass sie eben so gut beobachten, zuhören konnte, hat sie natürlich gemerkt, dass es verschiedene Anteile gibt, wie in jedem Menschen. Nur hat sie das eben verbalisiert.“
Sandra Hüller über ihre Rolle
Im Interview sagt Hüller über Bachmann: „Sie hat mich tatsächlich seit meiner Jugend begleitet. Als jemand, die die sehr akkurat über Vorgänge berichten kann. Als jemand, die genau zugeschaut und zugehört hat. Das hat mich immer fasziniert.“ Hüller betont, dass Bachmann heute andere Möglichkeiten gehabt hätte, mit ihren inneren Konflikten umzugehen, aber dass das Ringen mit den damaligen Beschränkungen auch ihr Werk ausgemacht habe.
Der Film endet mit Bachmanns Gedicht „Eine Art Verlust“, das vom Ende einer Liebe handelt: „Nicht dich habe ich verloren, sondern die Welt.“ Bachmann starb mit 47 Jahren nach einem selbst verursachten Unfall mit schweren Brandverletzungen.



