Olivia Rodrigo: Neues Album zeigt die Liebe in all ihren Facetten
Olivia Rodrigo: Neues Album zeigt Liebe in Facetten

Olivia Rodrigo: Die Liebe ist ein grausam schönes Unterfangen

Auf ihrem großartigen neuen Album „You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love“ beweist die Queen der Trennungsballaden, dass sie auch glückliche Liebessongs kann. Von Inga Barthels

Es gibt nichts Tolleres, als frisch verliebt zu sein, Liebeskummer hingegen ist das schrecklichste Gefühl überhaupt. Oder sind die extremen Emotionen zu Beginn einer Beziehung womöglich gar nicht so weit entfernt von den Schmerzen ihres Niedergangs? Zumindest sind beide Situationen ein Ausnahmezustand, in dem man nicht ganz Herr seiner Sinne ist, für nichts Verantwortung übernehmen kann und sich irgendwie krank fühlt. Olivia Rodrigo beleuchtet auf ihrem neuen Album „You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love” beide Seiten dieser Medaille namens Liebe. In einem Interview mit der „New York Times“ scheute sich der Popstar noch etwas, das Wort „Konzeptalbum“ in den Mund zu nehmen – dabei trifft es das eigentlich perfekt. Erzählt ihr neues Album doch chronologisch eine Liebesgeschichte, vom ersten Date und der intensiven Anfangsphase über erste Brüche und Zweifel bis hin zur Trennung und der anschließenden Reflexion über das Erlebte.

Eine Liebesgeschichte in 13 Songs

Jeder der 13 Songs eröffnet dabei eine neue Perspektive auf diese Liebe, die, wie Rodrigo in dem Interview erzählte, ihre erste ernsthafte „Big Girl“-Beziehung war. Eindrücklich ist vor allem, wie unterschiedlich und interessant die Songs auf der ersten, scheinbar glücklichen Hälfte der Platte klingen. Dass es schwerer ist, auf spannende Weise über eine funktionierende Beziehung zu schreiben als über Liebeskummer, weiß jeder. Und, dass Olivia Rodrigo Trennungsballaden kann, ist ohnehin klar, seit sie Anfang 2021 mit „Drivers License“ quasi über Nacht vom Disney-Starlet zum weltweit berühmten Popstar avancierte. „Drivers License“ war der ultimative Teenager-Herzschmerz-Song, wie er nur von einer 17-Jährigen geschrieben worden sein kann, die sich sicher ist, nie wieder jemanden so zu lieben wie ihren Ex.

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Einflüsse aus den Achtzigerjahren

Inzwischen ist Rodrigo 23 Jahre alt, also schon länger kein Teenager mehr. Das hört man ihren Lyrics an, die deutlich nuancierter und selbstkritischer klingen als auf ihren vorherigen Alben. Auch der Sound hat sich verändert, der, wie schon auf „Sour“ und „Guts“ zuvor, gemeinsam mit dem Produzenten Dan Nigro entstanden ist. Den Pop-Punk der vorherigen Alben haben die beiden verworfen und sich von New Wave und Dream Pop der Achtzigerjahre inspirieren lassen. Die Signature-Piano-Balladen zwischendurch sind aber geblieben.

Mehrere Fäden ziehen sich durch das neue Album, einer davon wortwörtlich: „I’m the thread on your shirt that is coming undone”, singt Rodrigo auf dem mitreißenden zweiten Track „Stupid Song“, der die manische Energie an der Grenze zum Wahnsinn einfängt, die man fühlt, wenn man frisch verliebt ist und an nichts anderes denken kann. „I’m unraveled“ heißt es dann einige Songs später in „The Cure“ – was man mit „entwirrt“ übersetzen kann, aber auch mit „völlig aufgelöst“. Und in „The Cure“, dem emotionalen wie musikalischen Höhepunkt des Albums, ist Rodrigo tatsächlich beides. Sie hat erkannt, dass ihre große Liebe sie nicht retten wird vor den Problemen, die sie mit sich selbst hat, kein wundersames Heilmittel ist. Zusammenflicken kann sie sich nur selbst, nicht der Geliebte – eine Erkenntnis, die ihr das Herz bricht. „It’s not enough“, schreit sie förmlich am Ende des sich über fünf Minuten immer weiter aufbauenden Songs, dessen Akustikgitarrenriffs an die Smashing Pumpkins erinnern und der zu den stärksten ihrer Karriere gehört.

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Gastauftritt von Robert Smith

Ein zweiter Faden ist, passend zum Titel dieses Songs, die Band „The Cure“, die Rodrigo seit Langem verehrt. Im Opener „Drop Dead“ bekommt der Song „Just Like Heaven” ein Shout-out, auch musikalisch ist „The Cure“ Inspiration, insbesondere bei „Maggots for Brains“ und dem herausragenden „u & me = <3“ auf der ersten Hälfte des Albums. Letzterer Song kann auch mit den großartigen Lyrics „They say modern love’s a cruel endeavor / And to that I say ‘fuck it, whatever’“ aufwarten. Frontmann Robert Smith taucht auf der zweiten Albumhälfte dann sogar selbst auf, um in „What’s wrong with me“ mit Rodrigo gemeinsam darüber zu singen, dass der Grund für ihre Malaise ihre Beziehung sein könnte: „I can’t eat, I can’t sleep / I think you’re what’s wrong with me“. Rodrigo verkehrt hier das Vokabular, das im ersten Teil des Albums noch für Verliebtheit am Rande des Nervenzusammenbruchs stand, in ihr Gegenteil. Diese Art von Callbacks ziehen sich durch die ganze Platte.

Im resignierten Closer „Cigarette Smoke“ sinniert sie über ihre gescheiterte Beziehung: „Some nights can be so fucking lonely / but it’s better than begging for you to stand up for me, honeybee”, eine Referenz sowohl auf die Ballade „Begged“, in der sie das Gefühl besingt, sich nicht über Liebesbeweise ihres Partners freuen zu können, wenn sie ihn zuvor darum anbetteln musste, und auf den melancholischen Liebessong „Honeybee“. Der ist das vielleicht beste Beispiel für Rodrigos und Nigros Kunst, durch Text und Musik auch in scheinbar glücklichen Liebessongs eine Spur von Traurigkeit einfließen zu lassen, die das Ganze mehrdimensional macht.

Olivia Rodrigo etabliert sich mit ihrer dritten Platte endgültig als herausragende Songwriterin; nicht nur „gut für ihr Alter“, wie sie noch auf ihrem vorherigen Album sang, sondern gut, Punkt. Und wir wissen jetzt sicher: Auch, wenn sie eine lange, stabile und glückliche Beziehung finden sollte, was man ihr ja wünschen würde – gute Songs werden daraus trotzdem entstehen.