Rock am Stadtrand: „Hier war ich noch nie“ – DJ Oliver Koletzki entdeckt Reinickendorf zur Fête de la Musique 2026. Dragqueen Yvonne Nightstand lädt den Berliner Musiker in ihren Bezirk ein, und beide machen dabei überraschende Entdeckungen. Von Dirk Krampitz, Redakteur, 19.06.2026, 10:02 Uhr.
Eine Tour durch den Gastgeberbezirk
Yvonne Nightstand ist eine überzeugte Reinickendorferin. Die Dragqueen lebt in Reinickendorf, einem Bezirk, der vielen Berlinern, vor allem aus dem Süden der Stadt, noch immer eher unbekannt ist. Ursprünglich stammt Yvonne aus Mainz, verbrachte eine kurze Zeit im Wedding und zog dann vor rund zehn Jahren nach Reinickendorf. Ihre Mission: ein bisschen die Werbetrommel für ihren Heimatbezirk rühren, der in diesem Jahr Partnerbezirk der Fête de la Musique am Sonntag ist. Sie will zeigen, dass Reinickendorf mehr kann, als nur am Stadtrand zu liegen.
So auch für den Berliner DJ, Label-Eigentümer und Musiker Oliver Koletzki. Er komme gut mit wenig Schlaf aus, sagt er. „Genetische Disposition und vielleicht auch Übung.“ Gerade kommt er von einem dreitägigen Festival aus Mecklenburg-Vorpommern. Nun ist er neugierig auf Reinickendorf. „Bestimmt bin ich schon mal unwissentlich durchgefahren, aber hier war ich noch nie“, gesteht er offen. Oliver Koletzki, der im Jahr 2000 aus Braunschweig nach Berlin kam, beschreibt Berlin als eine Stadt aus zwölf ganz unterschiedlichen Städten, den zwölf Bezirken. „Berlin ist sehr bubbelig“, sagt er entschuldigend. „Ich bleibe meist in meiner Friedrichshain-Bubble.“ Dort wohnt er mitten im Touristenepizentrum an der Simon-Dach-Straße. „Ich mag es, wenn vor der Tür Leben ist. Aber ich wohne auch in einer ruhigen Ecke, wenn ich das möchte.“ Koletzki fügt nachdenklich hinzu: „Vielleicht hat das auch mit der Angst vorm Altwerden zu tun. Jung bleiben heißt für mich, mich mit jungen Leuten zu umgeben.“
Erste Station: Beste Pizza in Berlin
An diesem angenehmen Vormittag treffen sich Yvonne und Oliver, der gerade ein dreitägiges Festival hinter sich hat, zum gemeinsamen Spaziergang durch den Bezirk. Die erste Station ist die „Salumeria Triangria 2 Go“ in der Lindauer Allee 45, wo Yvonne voller Überzeugung verkündet: „Meiner Meinung nach die beste Pizza in Berlin. Und das will ich nicht für mich behalten, das darf jeder wissen.“ Hier lagern oft ihre Pakete, und als Fotomotiv dient eine bunte Vespa, die der Wirt gerne vor die Tür rollt.
Kienholzpark und Kaninchen
Weiter geht es zu Fuß in den nahe gelegenen Kienholzpark. In vollem Pailletten-Drag zieht Yvonne an diesem Vormittag Aufmerksamkeit auf sich – etwas, das sie sonst selten in ihrem Heimatkiez macht. Als Moderatorin und Kulturschaffende ist Draglook ihre Arbeitskleidung. Und Reinickendorf ist ihr Zuhause, das sie sehr schätzt. „Reinickendorf hat beides: Natur und Kultur. Und dazu eine gute Anbindung – die U8 verbindet den Norden mit Mitte, Kreuzberg und Neukölln.“ Trotzdem fährt sie meistens Taxi, wenn sie im Drag unterwegs ist. „Die Stimmung in Berlin ist seit Corona aggressiver geworden.“
Weiter geht’s, vorbei am Paracelsus-Bad, dem ersten Schwimmbad-Neubau nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit 2019 wird es saniert. Die Eröffnung ist für 2027 geplant. „Ich war da noch nie drin“, gibt Yvonne zu. Sie führt Oliver zu den „süßen Babyhäschen“ im Kienholzpark. Während in Friedrichshain Ratten über die Straße laufen, tummeln sich dort angeblich kleine Kaninchen – vielleicht ein Spiegel von Yvonnes optimistischer Weltsicht.
Im Park läuft ein Seniorentrio vorbei, das Nordic Walking macht. Yvonne fragt sie, ob sie von der Fête de la Musique in Reinickendorf gehört haben. „Ja!“ Aber hingehen? Die Reaktion ist zurückhaltend. Dabei wird man der Fête kaum entgehen können.
Fête de la Musique 2026 in Reinickendorf
Alljährlich am 21. Juni verwandelt sich ganz Berlin in eine riesige Sommerbühne: Im Rahmen der Fête de la Musique spielen Musiker auf Straßen, Plätzen, in Höfen, Cafés und an vielen Kulturorten. Reinickendorf ist in diesem Jahr Partnerbezirk und lädt ein, den Sommeranfang bunt und vielfältig zu feiern. Die Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU) betont: „Die Fête de la Musique unterstützt wunderbar unsere Bemühungen, Berlinerinnen und Berliner sowie Gäste und Touristen über die Innenstadt hinaus gezielt für unseren schönen Fuchsbezirk zu begeistern. Musik verbindet über alle Sprach- und Kulturdifferenzen hinweg.“
Berlinweit beteiligen sich mehr als 200 Orte daran, dass die Menschen den längsten Tag des Jahres mit Musik und in diesem Jahr mit angekündigter Sonne genießen können. In Reinickendorf sind es sieben Orte, an denen live musiziert wird. Einer davon ist das Showfenster-Theater in der Letteallee – die letzte Station in Yvonnes kleinem Bezirksrundgang.
Showfenster-Theater: Kultur ohne Subventionen
Gerd Normann und seine Frau Lina Lärche haben aus einer ehemaligen Eckkneipe ein kulturelles Kleinod geschaffen. Seit anderthalb Jahren gibt es das Theater, und zum zweiten Mal sind sie bei der Fête de la Musique dabei. Am Veranstaltungstag gibt es einen Flamenco-Chor und Disco-Metal zu erleben – ein Theaterprojekt ohne öffentliche Subventionen. „Das geht nur, weil wir einen anständigen Mietvertrag haben, den unser Vermieter uns gegeben hat“, erklärt Gerd Normann.
Koletzkis Blockparty am Görlitzer Park
Unsubventionierte Kultur hat es in ganz Berlin schwer, das weiß auch Oliver Koletzki. „Die Politik der Stadt Berlin vergisst manchmal, dass Kultur der Grund ist, warum viele Menschen nach Berlin kommen. Ich wünsche mir mehr Unterstützung von der Stadt für die Kulturszene.“ Aber auch ohne Unterstützung wird Koletzki dieses Jahr wohl wieder das größte Event der Fête de la Musique veranstalten. Ab 14 Uhr steigt die „Stil vor Talent“-Blockparty seines gleichnamigen Labels im Partykiez am Görlitzer Park in Kreuzberg. Vergangenes Jahr rechnete er mit 900 Leuten. Gekommen sind fast zehnmal so viele. Das sind Zahlen, von denen der Partnerbezirk bei der Fete wohl nur träumen kann. „Noch!“, sagt Yvonne ganz optimistisch.



