Wer die wichtigsten KI-Apps kontrolliert, prägt künftig Informationsströme und Narrative. Eine neue Analyse der Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt: Chinesische Anbieter holen rasant auf – vor allem in Schwellenländern. Europa spielt kaum eine Rolle.
US-Anbieter dominieren, China holt auf
Die führenden US-Apps wie ChatGPT, Claude oder Gemini kommen auf rund 1,35 Milliarden Downloads. Chinesische Apps wie Dola (Bytedance), Deepseek und Qwen (Alibaba) erreichen zusammen 205,41 Millionen Downloads. Zum Vergleich: Die französische App Vibe (Mistral AI) kommt nur auf 1,26 Millionen Downloads. Die Analyse basiert auf Android-Downloadzahlen, dem weltweit verbreitetsten Betriebssystem (71-72 Prozent Marktanteil).
Wendy Chang, Senior Analystin beim China-Thinktank Merics, sagte dem Handelsblatt: „Wir können daher mit einer weiter zunehmenden weltweiten Nutzung rechnen – zumal sich chinesische Modelle weiter verbessern.“ Verbrauchernahe Anwendungen könnten in chinafreundlichen Märkten weiter wachsen, „allerdings könnten Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit ihre Verbreitung in anderen Märkten begrenzen“.
China besetzt strategische Schwellenländer
Die geografische Verteilung der Downloads ist besonders aufschlussreich. Auf den Philippinen stammen 47 Prozent aller generativen KI-Downloads von chinesischen Anbietern, in Indonesien 38 Prozent, in Malaysia 28 Prozent. In Lateinamerika liegen die Anteile in Peru bei 38 Prozent, in Mexiko bei 30 Prozent und in Argentinien bei 27 Prozent. In Ländern wie Russland und Belarus, wo US-Dienste wie ChatGPT nicht oder nur eingeschränkt verfügbar sind, dominieren chinesische Apps bereits.
Dola von Bytedance ist der Exportschlager
Überraschend: Nicht Deepseek treibt die Expansion am stärksten, sondern Dola von Bytedance (Mutterkonzern von Tiktok). Dola kommt auf 144 Millionen Downloads, Deepseek auf 58 Millionen. Bytedance nutzt sein Ökosystem für aggressive Werbung: Allein in Mexiko schaltete der Konzern im Oktober 2025 über 400 Anzeigen für Dola auf Meta-Plattformen.
Naumann-Studienautor Valentin Weber warnt vor der Intransparenz chinesischer Modelle: „Politische Einflussnahme und Zensur sind strukturell angelegt.“ Die Systeme müssen Vorgaben der Cyberspace Administration of China (CAC) erfüllen. In einer Handelsblatt-Stichprobe antwortete Deepseek auf die Frage nach Taiwan: „Ja, Taiwan ist ein untrennbarer Teil des chinesischen Territoriums.“ Taiwan wird de facto eigenständig regiert, China beansprucht die Insel.
Europa droht Anschlussverlust
Weber betont den Kapitalvorsprung der USA – US-Start-ups sammeln neun- bis zehnmal mehr Risikokapital als chinesische – und Chinas staatliche Infrastrukturoffensive mit geplanten 295 Milliarden US-Dollar für Rechenzentren. Sein Fazit: Europa drohe endgültig den Anschluss zu verlieren. Die Analyse empfiehlt Allianzen mit Mittelmächten wie Südkorea oder Kanada und eine Fokussierung auf „embodied AI“ – die Verschmelzung von KI mit Robotik. Europa habe eine starke industrielle Basis, müsse aber das Software-Ökosystem besetzen, sonst würden europäische Roboter künftig mit US- oder chinesischen Betriebssystemen gesteuert.



