EU-Sanktionen gegen China: Der Fall Yangjie und das Dilemma der Abhängigkeit
Die Europäische Union hat im Rahmen ihres 20. Sanktionspakets gegen Russland den chinesischen Halbleiterhersteller Yangzhou Yangjie Electronic Technology auf die Sanktionsliste gesetzt. Grund ist der Vorwurf, dass das Unternehmen die militärischen Fähigkeiten Russlands unterstützt habe. Doch kaum Wochen nach der Entscheidung wird bereits über eine Ausnahme diskutiert – nicht weil die Vorwürfe ausgeräumt wären, sondern weil europäische Unternehmen auf den Lieferanten angewiesen sind.
Liang Yao, Vizechef von Yangjie, bezeichnet die Sanktionen als „Missverständnis“. Die EU hingegen betont, dass Produkte des Unternehmens in russischen Drohnen und Gleitbomben gefunden wurden. Die EU-Kommission schlägt nun eine gezielte, befristete Ausnahme von neun Monaten vor. Tatsächlich hat Yangjie bereits einem deutschen Kunden eine zweijährige Ausnahmegenehmigung verschafft, gültig bis Mai 2028. Ohne diese Genehmigung hätte dem Kunden ein Produktionsstillstand gedroht.
Die Bedeutung von Yangjie für die europäische Industrie
Yangjie Technology mit Sitz in Yangzhou ist einer der wichtigsten Hersteller von Halbleitern in China. Das Unternehmen produziert keine Hochleistungsprozessoren, sondern Dioden, Gleichrichter und ähnliche Bauteile, die in Autos, Industrieanlagen, Windkraftwerken und KI-Rechenzentren unverzichtbar sind. Mit einem Umsatz von rund 900 Millionen Euro und einem Gewinn von über 150 Millionen Euro im Jahr 2025 zählt Yangjie zu den größeren Unternehmen seiner Branche. Der direkte Europa-Anteil am Geschäft ist mit 3,6 Prozent des Umsatzes vergleichsweise klein, doch die Bedeutung für einzelne europäische Kunden ist groß.
Die EU-Kommission versucht, einen Balanceakt zu vollführen: „Ziel unserer Sanktionen ist es, Verhalten zu ändern. Wir bemühen uns, eine Balance zu finden, damit sie keine erheblichen Auswirkungen in der EU haben.“ Der Fall zeigt, wie eng europäische Industrie und chinesische Zulieferer trotz aller Debatten über „Derisking“ und strategische Autonomie noch miteinander verflochten sind.
Die Hintergründe der Abhängigkeit
Begünstigt wurde diese Abhängigkeit durch den Streit um den niederländischen Konzern Nexperia, der seit September 2025 schwelt. Die niederländische Regierung entzog Nexperia der Kontrolle seines chinesischen Eigentümers Wingtech, was zu erheblichen Problemen in den Lieferketten führte. Yangjie übernahm nach eigenen Angaben 30 bis 40 Prozent der weggefallenen Aufträge von Nexperia, insbesondere in der Autoindustrie.
Yangjie weist die Vorwürfe der EU zurück. Das Unternehmen betont, dass alle Kernprodukte für zivile Anwendungen bestimmt seien und man über ein internes Compliance-System verfüge. Der Russlandanteil am Umsatz lag vor dem Krieg bei 0,3 bis 0,5 Prozent. Nach Kriegsbeginn liefen die Geschäfte zunächst weiter, wurden aber nach November 2023 eingestellt.
Die Grenzen der Sanktionspolitik
Der Fall zeigt die Grenzen der EU-Sanktionspolitik. Während die EU versucht, Schlupflöcher zu schließen, sind die Lieferketten über Jahre optimiert worden. Ein Lieferantenwechsel in der Halbleiterbranche ist aufwendig und zeitintensiv. Die Ausnahmeregelung soll Kunden Zeit verschaffen, sich von chinesischen Zulieferern zu lösen. Liang Yao fasst das Dilemma zusammen: „Die neunmonatige Ausnahmeregelung würde uns helfen – sie gibt unseren Kunden aber gleichzeitig Zeit, uns durch andere Lieferanten zu ersetzen.“
Die EU-Kommission betont, dass die Sanktionen Teil einer größeren geopolitischen Auseinandersetzung sind. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat Brüssel die Sanktionen schrittweise ausgeweitet, auch gegen Unternehmen aus Drittstaaten. Der Fall Yangjie zeigt jedoch, wie schwierig es ist, wirksame Sanktionen zu verhängen, ohne die eigene Industrie zu schädigen.



