Der französische Comic-Autor Antoine Angé, bekannt unter dem Pseudonym Kokopello, hat für seinen Comic „Europa, die EU und ich“ Einblicke hinter die Kulissen der Europäischen Union gewonnen, die sonst selbst Journalisten verwehrt bleiben. Das Buch verkaufte sich rund 20.000 Mal – in Frankreich liegt die durchschnittliche Auflage eines Comics bei etwa 4.000 Exemplaren.
Privates Telefonat mit Brigitte Macron
In einer Szene des Comics ist zu sehen, wie der französische Präsident Emmanuel Macron während Verhandlungen beim Europäischen Rat einen Anruf seiner Frau Brigitte entgegennimmt. „Nein, ich bleibe vermutlich nicht über Nacht“, antwortet er. „Dann bis nachher.“ Kokopello stand daneben und zeichnete das Gespräch. Er betont, dass Politiker gegenüber einem Comiczeichner oft offener seien als gegenüber Journalisten. „Gegenüber einem Comiczeichner seien Politiker offener, ihn auch dorthin mitzunehmen, wo etwa Journalisten keinen Zutritt mehr bekämen“, sagt Kokopello.
Einblicke in Parlament, Kiew und Flüchtlingslager
Leser und Leserinnen begleiten den Zeichner durch seine Treffen mit Politikern im Europäischen Parlament, in Kiew und in einem Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Kos. Viele Eindrücke seien nur möglich gewesen, weil er als Comiczeichner die Sympathie vieler Politiker gehabt habe und auch mal privateren Gesprächen lauschen durfte. Vor allem französische Politiker liebten es, gezeichnet zu werden – auch wenn sie in den Comics gegebenenfalls etwas anders aussehen als in echt. „In Comics geht es um den Ausdruck“, erklärt Angé.
Krieg in der Ukraine als Auslöser
Sein Interesse an der EU entwickelte sich mit Beginn des Kriegs in der Ukraine im Frühjahr 2022. Als Jugendlicher habe er sich wie viele andere kaum für Europa interessiert. Das änderte sich mit dem russischen Angriff. Angé arbeitete mit anderen Comic-Autoren an einem Buch zum französischen Wahlkampf, der sich durch den Krieg massiv veränderte – so verzögerte sich die Kandidatur-Ankündigung Macrons. Auf Demonstrationen sah Angé häufig europäische Flaggen und fragte sich: Was ist eigentlich Europa?
Vorurteile zur EU ärgern den Künstler
„Ich habe ganz oft gehört, dass die EU so weit weg ist, so komplex ist“, sagt Kokopello über seine Recherche. „Das hat mich geärgert, weil ich finde, die EU hat einfach Vorteile.“ Vieles, was nur durch sie möglich ist, dringe nicht zur Bevölkerung durch. „In Paris wird ganz oft gesagt: Daran ist Europa schuld.“ In Brüssel habe er jedoch erfahren, dass keine Entscheidung ohne das Mitwirken der Mitgliedsländer möglich ist. Viele Länder rechneten sich gute Entscheidungen selbst zu, bei unbeliebten Maßnahmen zeige der Finger dagegen schnell nach Brüssel.
Schlechte Kommunikation der EU
Der Grund: „Die EU kommuniziert sehr schlecht“, meint der Zeichner. Vieles bleibe in der politischen Blase, einem abgeschlossenen Kreis aus Journalisten, Kommissaren und anderen Politikern – ähnlich wie auf Bundesebene in Berlin oder in der französischen Hauptstadt. „Die kennen sich alle“, sagt er. „Das ist wirklich so ein Mikrokosmos.“ Er selbst habe angefangen, andere Medien zu nutzen und sich für europäische Landwirtschaft und europäische Souveränität zu interessieren.
Mehr Feuer für die europäische Idee
Diese Leidenschaft wünscht er sich auch in der Bevölkerung. Dafür brauche es mehr Möglichkeiten, Geschichten über die EU zu erzählen, betont Angé. Egal ob durch Bilder, Bücher oder Theaterstücke – „entscheidend ist, dass es nicht nur diesen Expertenkreis, diese Fachleute anspricht, sondern wirklich die große Öffentlichkeit“. Seine Rolle dabei sei und bleibe „das Mäuschen, das vom Schlüsselloch hereinschaut“.



