Aggnoranz: Warum Hitze und Realitätsverleugnung in der Klimakrise Hand in Hand gehen
Aggnoranz: Warum Hitze und Realitätsverleugnung zusammenhängen

Christian Stöcker prägt in seiner Kolumne den Begriff „Aggnoranz“ – eine Kombination aus aggressiver Ignoranz. Er beschreibt ein Phänomen, das derzeit sowohl in den USA als auch in Deutschland zu beobachten ist: Menschen verteidigen wütend erkennbar falsche Positionen, selbst wenn die Realität ihnen direkt vor Augen steht.

Der Fall Albert Anthony: Aggnoranz in Reinform

Ein perfektes Beispiel lieferte Albert Anthony, 41, aus Louisiana. Er stand in Washington am Reflecting Pool, der nach einer teuren Fehlentscheidung von US-Präsident Donald Trump mit grünen Algen und Farbfetzen gefüllt ist. Gegenüber der „New York Times“ erklärte Anthony: „Schauen Sie sich das Wasser doch einfach an, es ist nicht grün.“ Die sichtbare Farbe seien „Fake News“. Trump sei „der beste Präsident, den wir jemals hatten“. Unterdessen werden immer wieder Menschen festgenommen, die Farbfetzen aus dem Wasser fischen – weil Trump behauptet, der Pool sei durch „Vandalen“ so verunreinigt. Beide Versionen sind objektiv falsch. Anthony ging an den Ort des Geschehens und behauptete das Gegenteil dessen, was alle sehen. Das ist Aggnoranz.

Hitze in Europa: Aggnoranz als Stammeszeichen

In Deutschland zeigt sich Aggnoranz besonders in den Reaktionen auf die extreme Hitzewelle. Temperaturen über 40 Grad Celsius, Trinkwassermangel in Frankreich, gedrosselte Atomkraftwerke, Schäden an Autobahnen, Hitzenotstand – all das wird von vielen ignoriert oder verharmlost. Auf Social-Media-Posts mit Wetterkarten, die rote Hitzefelder zeigen, kommentieren Nutzer: „Noch mehr Apokalypse. Wie kriegt man diesen Quatsch weg?“ oder „Ist halt Sommer“. Die wütende Realitätsverweigerung findet sich auf Plattformen wie X, LinkedIn, Instagram und Threads. Auf Bluesky und Mastodon ist es weniger schlimm, weil dort weniger Rechtsradikale und Verschwörungstheoretiker aktiv sind.

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Psychologische Erklärung: Kognitive Dissonanz

Stöcker erklärt das Phänomen psychologisch: Menschen, die aggressiv bestreiten, dass sich die Erde erhitzt, wollen es nicht wahrhaben. Sie verknüpfen Hitze mit Klimaschutzmaßnahmen wie dem Abschied von Gasheizung und Verbrennungsmotor – und lehnen diese ab. Das erzeugt kognitive Dissonanz: einen Missklang zwischen Wissen und Verhalten. Um diesen zu reduzieren, werten sie konsonante Information auf („Früher war es auch schon heiß“) und dissonante Information ab („Klimapanik“). Auch Überbringer der dissonanten Information werden abgewertet. Hitze macht aggressiv, und das gleichzeitige Wegdrängen der Realität verstärkt die Aggression.

Union und die Aggnoranz der Klimapolitik

Verwandt mit Aggnoranz ist das aggressive Ignorieren. Die Union veranstaltete während der Hitzewelle „Werkstattgespräche“ im kühlen Adenauer-Haus, in denen es angeblich um Klimapolitik ging, tatsächlich aber um die Aufgabe von Klimazielen. Eingeladen waren Fans fossiler Technik, aber keine Klimapolitiker. Währenddessen fand in München die Messe „Smarter E“ statt – mit 100.000 Fachbesuchern und 2800 Ausstellern aus aller Welt, die Lösungen für Solarenergie, Batteriespeicher und Elektromobilität präsentierten. Aus der Bundesregierung war niemand anwesend. Kanzler Friedrich Merz und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder blieben fern, obwohl sie ständig von Innovation und Zukunftstechnologien reden. Energieministerin Katherina Reiche zog es vor, mit der CDU über Retrotechnik zu diskutieren, statt die Energiebranche zu besuchen, die bereits über 60 Prozent des deutschen Strombedarfs deckt.

Stöcker fragt: Ist das noch aggressives Ignorieren oder schon Aggnoranz? Die Antwort liegt im Verhalten der Handelnden: Sie ignorieren nicht nur Fakten, sondern verteidigen aktiv falsche Positionen – und das mit einer Wut, die durch die Hitze noch verstärkt wird.

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