Klimawandel: Hitzewelle in Europa wäre vor 50 Jahren unmöglich gewesen
Klimawandel: Hitzewelle in Europa wäre vor 50 Jahren unmöglich

Eine aktuelle Attributionsanalyse der internationalen Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA) belegt einen eindeutigen kausalen Zusammenhang zwischen der vom Menschen verursachten Klimaerwärmung und der aktuellen Hitzewelle in Europa. Die Temperaturen erreichen Dimensionen, die ohne den Klimawandel praktisch unmöglich gewesen wären.

Hitzewelle 3,5 Grad wärmer als vor 50 Jahren

Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass der Klimawandel die treibende Kraft hinter der gefährlichen Hitze ist. Die gemessenen Temperaturen dieser Hitzewelle wären vor 50 Jahren zu dieser Jahreszeit praktisch unmöglich gewesen. „Eine ähnliche Hitzewelle in diesem historischen Klima wäre 3,5 Grad kühler“, schreiben sie in ihrer Untersuchung. Das Klima verändere sich sehr schnell: Die hohen Nachttemperaturen sind heute etwa 100-mal wahrscheinlicher als noch vor 23 Jahren, während der berüchtigten europäischen Hitzewelle 2003. Die Tagesspitzen sind demnach etwa zehnmal wahrscheinlicher.

Extreme Hitze an Grenzen der Belastbarkeit

„Dieser Sommer zeigt, dass bei einer globalen Erwärmung von 1,4 Grad die extreme Hitze bereits an die Grenzen der Belastbarkeit unserer Gesellschaften stößt“, schreiben die Wissenschaftler:innen. In Deutschland werden für das kommende Wochenende Höchsttemperaturen von 40 bis 43 Grad prognostiziert, was den deutschen Allzeitrekord von 41,2 Grad aus dem Jahr 2019 übertreffen könnte. Die Hitzewelle hat Westeuropa seit Tagen im Griff und erreicht eine Dimension, mit der selbst viele Klimaforscher so schnell nicht gerechnet hatten.

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Wet Bulb Globe Temperatur: Besonders gefährlich

Die Forschenden halten die Entwicklung der sogenannten Wet Bulb Globe Temperatur (WBGT) für besonders bemerkenswert. WBGT ist ein Maß für Hitzestress und die Fähigkeit des Körpers, sich durch Schweißverdunstung abzukühlen. In 45 Prozent der 854 analysierten Städte in 30 europäischen Ländern wurde Ende Juni ein Allzeitrekord dafür verzeichnet oder wird voraussichtlich noch gebrochen. Die Kombination aus Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit ist für Menschen besonders gefährlich.

Natürliche Ursachen ausgeschlossen

Natürliche Ursachen für die extreme Hitzewelle, wie etwa das aktuell beginnende Wetterphänomen El Niño, konnte das WWA-Team ausschließen. Für ihre Untersuchung nutzten sie sowohl beobachtete als auch vorhergesagte Temperaturdaten, um den heißesten dreitägigen Zeitraum unter dieser „Hitzekuppel” in einem großen Teil Europas zu analysieren.

Emotionaler Appell von Friederike Otto

Friederike Otto, Leiterin der WWA und eine der Pionierinnen der Attributionsforschung, richtete einen emotionalen Appell an die Öffentlichkeit: „Wissenschaftler wie ich klingen langsam wie eine hängende Schallplatte.“ Jahr für Jahr veröffentliche man ähnliche Analysen zu immer häufigeren und stärkeren Hitzewellen. „Ja, das ist der Klimawandel. Ja, wir sind es. Nein, es ist kein El Niño. Ja, wir haben die Lösungen. Nein, wir setzen sie nicht schnell genug um“, sagte die Professorin für Klimawissenschaften am Imperial College London. „Es ist jetzt wirklich eine Frage, welche Zukunft wir für uns wollen und ob wir bereit sind, das Nötige zu tun, um sie zu sichern.“

Gesundheitliche Auswirkungen und Anpassungsbedarf

„Da Hitzewellen in Europa bekanntlich mehr Todesfälle verursachen als alle anderen Naturgefahren zusammen, werden die gesundheitlichen Auswirkungen voraussichtlich schwerwiegend sein und beginnen gerade erst, sich zu zeigen“, schreiben die Klimaforschenden. In der extremen Hitze des Sommers 2022 wurden mehr als 60.000 hitzebedingte Todesfälle registriert. „Viele Menschen leben, arbeiten und studieren immer noch an Orten, die nicht für die Temperaturen ausgelegt sind, die wir derzeit erleben“, sagt Carolina Pereira Marghidan vom Rotkreuz-Klimazentrum des Roten Halbmonds. Da die Temperaturen weiter steigen, würde die Kluft zwischen dem Tempo des Klimawandels und dem Tempo der Anpassung wachsen.

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Investitionen in hitzebeständige Infrastruktur nötig

Trotz weitverbreiteter Hitzewarnsysteme und -aktionspläne auf dem gesamten Kontinent wirke sich die Hitze weiterhin auf Gesundheit, Transport, Energiesysteme und das tägliche Leben aus. „Wir brauchen größere Investitionen in hitzebeständige Häuser, Städte und Infrastruktur, um die Menschen zu schützen“, sagte die Gesundheitsexpertin. Der britische Klimaforscher Theodore Keeping hält vor allem die Geschwindigkeit der Veränderung für erstaunlich. „Alle paar Jahre sehen wir, dass in Europa Hitzerekorde gebrochen werden: dieses Jahr in aufeinanderfolgenden Monaten.“ Bereits im Mai wurden in der Umgebung von London Rekordwerte von 35 Grad gemessen.

Lösungen sind bekannt – Umsetzung fehlt

Simon Stiell, Exekutivsekretär des UN-Klimasekretariats, betont: „Ein schnellerer Umstieg auf saubere Energie, die heute deutlich günstiger ist als fossile Brennstoffe, ebenso wie der Schutz der Wälder und der Aufbau von Klimaresilienz sind entscheidend. Keine Nation kann sich ein Weiter-so mehr leisten. Wir müssen gemeinsam das Tempo erhöhen.“ Die Forschenden der WWA haben die Lösungen klar benannt – nun sei es an der Politik, sie umzusetzen.