Die offizielle Zahl der Toten nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela ist auf 920 gestiegen. Zudem seien 3.300 Menschen verletzt worden, teilte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mit. Auf einem inoffiziellen Internetportal, das für die Suche nach Vermissten eingerichtet wurde, sind rund 50.000 Meldungen eingegangen. Angehörige und Bekannte können dort Fotos und Informationen zu vermissten Personen hochladen, jedoch lassen sich die Daten nicht verifizieren.
Fieberhafte Suche nach Verschütteten
Im Fernsehen waren meterhohe Schutthaufen zu sehen, in denen Menschen teils mit bloßen Händen nach ihren Angehörigen suchten. Vereinzelt wurden immer wieder Verletzte unter Jubel aus den Trümmern gezogen. Viele Menschen beklagen den Mangel an staatlicher Hilfe. Es fehle vor allem an schwerem Gerät, um Trümmer zu beseitigen, sagte etwa ein Bewohner der Hauptstadt Caracas der Deutschen Presse-Agentur. „Wir sind auf solche Ereignisse nicht vorbereitet. Sie haben zu lange gebraucht, ihnen fehlt die Technik, ihnen fehlen die Maschinen“, sagte José Ángel Ascanio vor seinem zerstörten Wohnhaus im Stadtteil San Bernardino über die Bemühungen der Rettungskräfte. Einige seiner Nachbarn hätten nur noch tot geborgen werden können.
Wettlauf gegen die Zeit
Die Suche nach Verschütteten ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Experten gehen davon aus, dass die Überlebenschancen nach 72 Stunden stark sinken. Zwei schwere, sehr kurz aufeinanderfolgende Beben der Stärke 7,2 und 7,5 hatten am Mittwoch den Norden und das Zentrum Venezuelas erschüttert. Inzwischen läuft internationale Hilfe an, die in dem verarmten südamerikanischen Land dringend benötigt wird. Besonders dramatisch ist die Lage im Bundesstaat La Guaira. Dort sind nach Angaben des venezolanischen Innenministers Diosdado Cabello mehr als 70.000 Familien von den Folgen der Erdbebenkatastrophe betroffen.
Internationale Helfer eingetroffen
In der Nacht auf Freitag landeten bereits mehrere internationale Einsatzteams in Venezuela, darunter Helfer aus dem Nachbarland Kolumbien, aus Mexiko und der Schweiz. Aus der EU ist Hilfe aus acht Mitgliedstaaten mit mehr als 520 Helfern und Rettungshunden unterwegs ins Katastrophengebiet. Auch die USA brachten Such- und Rettungsmannschaften sowie humanitäre und medizinische Hilfe auf den Weg. Die Regierung von Präsident Donald Trump kündigte darüber hinaus Hilfsgelder von 150 Millionen US-Dollar an, die über verschiedene Hilfsprogramme in Venezuela verteilt werden sollten.
Starlink stellt Internet zur Verfügung
Um das Katastrophengebiet mit Internet zu versorgen, kündigte die Firma Starlink von Tech-Unternehmer Elon Musk an, das Kommunikationsnetz für Kunden bis zum 25. Juli kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Im Januar hatte die US-Regierung massiv in die Politik Venezuelas eingegriffen, als sie den langjährigen Machthaber Nicolás Maduro gefangengenommen und in die USA gebracht hatte, um ihn vor Gericht zu stellen. Seither ist Maduros einstige Stellvertreterin Delcy Rodríguez geschäftsführende Regierungschefin des Landes.
Deutsche Helfer hoffen auf Überlebende
Vom Fliegerhorst Wunstorf in Niedersachsen machten sich auch erste deutsche Rettungskräfte auf den Weg ins Katastrophengebiet. Insgesamt vier Transportmaschinen der Luftwaffe starteten Richtung Venezuela, wie die Bundeswehr auf Anfrage bestätigte. An Bord waren neben Soldaten zahlreiche Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW). Die Einsatzkräfte haben neben tonnenweise Material und Technik auch Suchhunde, Mikrofone und Kameras dabei, um Verschüttete zu lokalisieren. Ziel war zunächst die vor der venezolanischen Karibikküste gelegenen Insel Curaçao. Welcher Flugplatz von da aus in Venezuela angeflogen werden könnte, war zunächst nicht bekannt. Der internationale Flughafen Simón Bolívar im schwer getroffenen Bundesstaat La Guaira war wegen Schäden geschlossen worden.
Der THW-Teamleiter des deutschen Einsatzes, Peter Benz, rechnete damit, vor Ort mit viel Zerstörung und Leid konfrontiert zu werden, äußerte aber auch Hoffnung, dass auch noch viele Stunden nach dem Einsturz von Hochhäusern Verschüttete gerettet werden könnten, da viele der eingestürzten Hochhäuser aus Beton Hohlräume bildeten. „Und in den Hohlräumen haben Menschen Chancen zu überleben“, sagte der Einsatzleiter.



