Im Katastrophengebiet La Guaira in Venezuela breitet sich nach den schweren Erdbeben der Geruch verwesender Leichen aus. Die Menschenrechtsorganisation Provea berichtete am Wochenende auf X: „Der Geruch ist ein Anzeichen dafür, dass noch Leichen unter den Trümmern liegen.“ Offiziell liegt die Zahl der Todesopfer bei 1450, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mitteilte. Rund 3200 Menschen wurden verletzt. Die Rettungsarbeiten laufen am Montag an ihrem fünften Tag, Zehntausende werden noch vermisst.
Rettungskräfte im Einsatz
Rund 30.000 venezolanische Einsatzkräfte sowie 2700 Rettungsexperten aus 24 Ländern sind im Einsatz, darunter auch ein Team des Technischen Hilfswerks (THW). Die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez sagte am Sonntag: „Heute haben wir Überlebende befreit, daher werden die Rettungsarbeiten nicht eingestellt.“ Nach 86 Stunden retteten internationale Teams eine Sechzigjährige in Caraballeda in La Guaira, wie der Präsident von El Salvador, Nayib Bukele, auf X mitteilte.
Berührende Rettungsgeschichte
Die Geschichte einer aus einem zerstörten Haus geretteten Frau und ihrem 18 Tage alten Baby geht um die Welt. Dayana Patino erzählte der BBC aus einer Klinik in Caracas: „Solange er lebte, würde ich am Leben bleiben.“ Sie habe hin und wieder seine Nase berührt, um sich zu vergewissern, dass er noch atmete. Sie war gerade beim Abwasch im achten Stock, als die Beben einsetzten. „Ich hatte das Gefühl, zu fliegen. Danach fühlte es sich an, als würde ich in Wasser und Schmutz versinken, dann fiel ich in die Grube, in der ich liegen blieb.“ Beide überlebten stundenlang unter den Trümmern; sie wurde an beiden Beinen verletzt, ihr Baby nur leicht.
Schadensbilanz und humanitäre Lage
Nach der jüngsten Bilanz wurden rund 780 Wohnhäuser sowie 38 Krankenhäuser zerstört oder schwer beschädigt. Insgesamt stürzten rund 2500 Wohngebäude und andere Einrichtungen ein. Nach den Beben der Stärke 7,2 und 7,5 am frühen Mittwochabend wurden mindestens 430 Nachbeben verzeichnet. Mehr als 70.000 Familien sind auf humanitäre Hilfe angewiesen; viele schlafen im Freien oder in Notunterkünften. Die Präsidentschaft richtete eine Sonderkommission ein, um Schäden und Bewohnbarkeit zu prüfen. Laut einer inoffiziellen Plattform gelten mehr als 47.000 Menschen als vermisst, nachdem fast 79.000 Vermisstenmeldungen eingingen – diese Angaben sind nicht unabhängig überprüfbar. Es gibt Berichte über Diebstähle und Plünderungen, die Beobachter auf Hunger und Elend zurückführen.
Kritik an Präsidentin Rodríguez
Venezuela befand sich vor den Erdbeben bereits in einer schwierigen Lage mit politischen Spannungen, wirtschaftlichen Problemen und einer der weltweit größten Migrationskrisen. Im Januar führte Washington einen Militäreinsatz durch, bei dem der autoritäre Machthaber Nicolás Maduro gefangen genommen wurde. Die derzeitige Staatschefin war Vizepräsidentin in der Maduro-Regierung. In den vergangenen Tagen wurde Kritik an der geschäftsführenden Präsidentin laut. Nachdem sie am Freitag in Caracas ausgebuht worden war, wurde sie am Sonntag in sozialen Netzwerken wegen eines protokollarischen Treffens mit internationalen Rettungsteams kritisiert. Der regierungskritische Journalist Orlando Avendaño schrieb auf X: „Jede Sekunde zählt. Jede Sekunde. Dennoch hält die Regierung von Delcy Rodríguez die Rettungskräfte für eine politische Handlung von ihrer Arbeit ab.“
Opposition fordert Rückkehr
Die Oppositionspolitikerin María Corina Machado kündigte an, angesichts der Erdbeben in ihre Heimat zurückkehren zu wollen. Der Bauingenieur Božidar Stojadinović erklärte, dass der Boden sich „verflüssigte“ und Gebäude wie sinkende Schiffe kippten – das Schlimmste stehe womöglich noch bevor.



