Vier Tage nach den verheerenden Doppelbeben im venezolanischen Bundesstaat La Guaira gelingt es Rettungsteams immer noch, Menschen lebend aus den Trümmern zu bergen. „Es ist ein Wunder“, ruft ein geretteter Mann den Helfern zu, die ihn nach stundenlanger Arbeit aus dem Schutt ziehen. „Willkommen, Antoniooo!“, jubeln die Einsatzkräfte. Eindrucksvolle Videos zeigen, wie sich Helfer durch schmale Spalten zwischen den Trümmern zwängen und Babys, Kinder und Erwachsene retten. Einem kolumbianischen Team gelang nach einem sechsstündigen Einsatz die Bergung eines elfjährigen Jungen in La Guaira, wie ein Video der kolumbianischen Katastrophenbehörde UNGRD zeigt. Auch Teams aus El Salvador, Ecuador und Spanien meldeten erfolgreiche Rettungen.
Zahl der Todesopfer steigt auf 1.430
Trotz der intensiven Bemühungen steigt die Zahl der Todesopfer weiter. Nach Angaben von Jorge Rodríguez, Präsident der Nationalversammlung und Bruder der geschäftsführenden Regierungschefin Delcy Rodríguez, wurden bislang 1.430 Tote gezählt. Mehr als 3.200 Menschen wurden verletzt. Auf einem eigens eingerichteten Internetportal sind fast 79.000 Meldungen eingegangen; fast 50.000 Menschen gelten noch als vermisst. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Viele Angehörige warten verzweifelt auf Nachricht, da Strom und Mobilfunknetz noch nicht überall wiederhergestellt sind.
Kritisches Zeitfenster für Überlebende schließt sich
Das Zeitfenster für die Rettung von Überlebenden schließt sich allmählich. Experten gehen davon aus, dass die Chancen nach 72 Stunden stark sinken. Das erste Beben der Stärke 7,2 ereignete sich am frühen Mittwochabend Ortszeit, das zweite mit einer Stärke von 7,5 folgte nur 39 Sekunden später. Seither gab es 430 Nachbeben, so Jorge Rodríguez. Mehr als 70.000 Familien wurden von den Behörden unterstützt. Nach Regierungsangaben sind 30.000 venezolanische Einsatzkräfte im Katastrophengebiet im Einsatz, darunter Mediziner und Psychologen. Zudem beteiligen sich mehr als 2.700 Rettungsexperten aus 24 Ländern, darunter ein 48-köpfiges Team des Technischen Hilfswerks (THW) aus Deutschland.
Schwere Zerstörungen in La Guaira und Caracas
Besonders im Bundesstaat La Guaira, aber auch in der Hauptstadt Caracas, haben die Beben erhebliche Zerstörungen verursacht. Ganze Straßenzüge mit Hochhäusern wurden dem Erdboden gleichgemacht. Mehr als 380 Wohnhäuser sowie 13 Krankenhäuser wurden zerstört oder schwer beschädigt, auch Einkaufszentren und andere öffentliche Gebäude stürzten ein. Verkehrsministerin Jacqueline Faría kündigte die teilweise Wiederaufnahme des Bahn- und U-Bahn-Betriebs ab Sonntag an, darunter die Metro in Caracas. Die medizinischen Einrichtungen, die noch in Betrieb sind, werden nach Berichten örtlicher Journalisten extrem überrannt.
Viele Familien obdachlos – Kritik an Regierungshilfe
Viele Anwohner in den betroffenen Regionen haben kein festes Dach über dem Kopf. Delcy Rodríguez erklärte auf der Plattform X, man begleite Familien, die wegen bestehender Risiken nicht in ihr Zuhause zurückkehren könnten, und habe provisorische Unterkünfte bereitgestellt. Journalisten vor Ort widersprechen jedoch: Viele Familien blieben mit ihren kleinen Kindern auf offener Straße, aus Angst vor weiteren Nachbeben. Die Suche nach Verschütteten geht unterdessen unvermindert weiter, auch wenn die Hoffnung von Stunde zu Stunde schwindet.



