Überverantwortung im Job: Warum moralischer Perfektionismus zu Burn-out führen kann
Im Beruf übermäßigen Einsatz und übertriebene Sorgfalt zu zeigen, fühlt sich zunächst positiv an. Dieses Verhalten kann jedoch schwerwiegende Konsequenzen für die Gesundheit und den beruflichen Werdegang nach sich ziehen. Wie entkommt man dieser Falle der ständigen Überverantwortung?
Wann handelt man übertrieben verantwortlich?
Verantwortungsbewusstsein ist grundsätzlich eine wertvolle Eigenschaft, betont der Psychologe Nils Spitzer. Menschen, die so handeln, möchten Gutes bewirken oder Schaden verhindern. „Das stellt eigentlich das Gegenteil von Egoismus dar“, erläutert Spitzer, der ein Fachbuch zum Thema Verantwortung verfasst hat.
Doch wie bei vielen positiven Dingen neigen manche Personen dazu, es zu übertreiben. Übertriebene Verantwortung definiert Spitzer als „die stabile Neigung, sich in belastend vielen Situationen Verantwortung aufzubürden“. Zwei typische Signale deuten darauf hin: „Sie übernehmen Aufgaben außerhalb Ihrer Zuständigkeit, oder Sie erledigen Dinge übergründlich, weit über alle gängigen Sorgfaltsstandards hinaus.“
Woran erkennt man zu viel Verantwortungsübernahme?
Exzessive Verantwortungsübernahme hat konkrete praktische Auswirkungen im Berufsalltag, so Spitzer. Betroffene mischen sich ständig in fremde Arbeitsbereiche ein und benötigen unverhältnismäßig viel Zeit für ihre übergroße Sorgfalt.
Ein übertriebenes Verantwortungsgefühl im Berufsleben sei keineswegs selten, erklärt Heidi Steinberger, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. „Viele halten dieses Verhalten lange für normal. Es fühlt sich richtig an und wird zu einem festen Bestandteil der beruflichen Identität.“
Das problematische Muster wird häufig erst offensichtlich, wenn das anfänglich gute Gefühl in Frustration oder Zynismus umschlägt. „Betroffene haben dann das Gefühl, dass stets alles an ihnen hängen bleibt“, so die Karriereberaterin Steinberger.
Welche Ursachen treiben dieses Verhalten an?
Ein übertriebenes Verantwortungsgefühl ist in der Persönlichkeit verwurzelt, erläutert Spitzer. Oft steckt ein „moralischer Perfektionismus“ dahinter – die tiefe Überzeugung, immer verantwortlich handeln zu müssen.
Ebenso kann eine „Kontroll-Illusion“ eine entscheidende Rolle spielen: „Ich kann es richten – also muss ich es tun.“ Diese Denkweise basiere auf der falschen Annahme, dass Handlungsmacht automatisch Verantwortung bedeutet. Hinzu kommen häufig ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und ein gering ausgeprägtes Selbstwertgefühl.
Der konkrete Job und das Arbeitsumfeld können dieses Verhalten zusätzlich begünstigen, insbesondere durch unklare Aufgaben, Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsbefugnisse, sagt Steinberger. „In modernen Arbeitsstrukturen wie Matrixorganisationen sind Verantwortlichkeiten oft nicht eindeutig definiert, was zu Orientierungslosigkeit und dem Druck führt, alle Beteiligten zufriedenstellen zu müssen“, erklärt sie. Besonders anfällig seien Tätigkeiten mit vielen Schnittstellen, beispielsweise in der Projektleitung.
Welche Folgen hat Überverantwortung?
Spitzer warnt vor den typischen Konsequenzen: Anspannung und chronischer Stress. „Man trägt mehr Verantwortung, arbeitet intensiver und ist sich nie sicher, ob es ausreicht.“ Langfristig könne dies zu einem Burn-out führen, aber auch zu Zwangsstörungen, Angststörungen und Depressionen.
Im beruflichen Kontext sei Überverantwortung zudem nicht gerade karriereförderlich, ergänzt Steinberger. Kollegen oder Vorgesetzte könnten das Verhalten als störend oder grenzüberschreitend empfinden. Zudem schaffen Betroffene oft eine Erwartungshaltung, die ihnen schadet: „Der übermäßige Einsatz zuverlässiger Mitarbeiter wird schnell als selbstverständlich angesehen“, sagt Steinberger. „Selbst wenn sie an ihre Grenzen stoßen, erhalten sie häufig keine angemessene Entlastung.“
Welche Strategien helfen gegen Überverantwortung?
Im Berufsalltag hilft es, das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen, rät Spitzer: „Gehört das wirklich zu meinem Zuständigkeitsbereich – oder glaube ich das nur?“ Auch die eigenen Standards sollte man überprüfen: Welche Sorgfaltsmaßstäbe gelten hier tatsächlich – was ist gut genug?
Besonders wichtig sei es, positive Erfahrungen bewusst zuzulassen: „Man sollte Aufgaben gezielt an andere abgeben und wahrnehmen, dass deren Ergebnisse ebenfalls funktionieren, selbst wenn sie die Aufgabe anders erledigen“, so der Psychologe.
Heidi Steinberger empfiehlt, sich selbst zeitliche Puffer zu gewähren: „Man sollte nicht jede Aufgabe sofort übernehmen, sondern bewusst entscheiden, ob sie wirklich dringend ist. Das gibt anderen die Chance, sich einzubringen.“
Betroffene müssten zudem nicht alle Probleme allein lösen. Die Karriereberaterin sieht auch Arbeitgeber in der Pflicht: Bei unklaren Rollen und Verantwortlichkeiten sollten Mitarbeiter eine Klärung einfordern, beispielsweise im Gespräch mit der Führungskraft.
Hilfreich sei darüber hinaus, Aufgaben, Zuständigkeiten und Termine im Team schriftlich festzuhalten – sowohl die eigenen als auch die der anderen. „Das entlastet den Kopf und reduziert den inneren Druck, alles kontrollieren zu müssen.“
Wann ist professionelle Hilfe notwendig?
Ein übertriebenes Verantwortungsbewusstsein selbstständig zu zügeln, fällt oft schwer. Gerade wer sich ständig für alles verantwortlich fühlt, stößt schnell an seine Grenzen. Spitzer rät: „Wenn Sie merken, dass die Überverantwortung Sie belastet und Leid verursacht, sollten Sie Hilfe suchen. Dieses Muster lässt sich in einer Therapie meist gut verändern.“



