DESG-Rücktrittsforderung: Strukturreform sorgt für Zoff im Eisschnelllauf
DESG-Rücktrittsforderung: Strukturreform sorgt für Zoff

Vier Monate nach den medaillenlosen Olympischen Winterspielen in Mailand und anhaltender Kritik an der Verbandsführung steht die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) erneut im Zentrum eines heftigen Konflikts. Der Thüringer Eis- und Rollsportverband (Terv) hat Präsident Matthias Große und sein Präsidium zum Rücktritt aufgefordert. Auslöser ist ein Strukturkonzept, das die Bundeskader auf die Standorte Berlin und Inzell konzentrieren soll – auf Kosten der traditionellen Stützpunkte Erfurt und Chemnitz.

Rücktrittsforderung aus Thüringen: Misstrauen gegenüber der Verbandsspitze

In einem formellen Schreiben an das DESG-Präsidium erklärte der Terv: „Wir kommen daher nicht umhin, Ihnen formell unser Misstrauen zu erklären. Wir fordern Sie einzeln und als Gremium auf, Ihren Rücktritt zu erklären und den Weg für Neuwahlen freizumachen.“ Begründet wird die Forderung mit einem nicht abgestimmten Strukturkonzept, das eine Konzentration auf Berlin und Inzell vorsieht, sowie mit Druck auf Sportler aus Erfurt, den Standort zu wechseln.

Die DESG-Spitze wies die Forderung umgehend zurück. Über eine Anwaltskanzlei ließ Präsident Große mitteilen: „Der Präsident und das Präsidium der DESG werden der Rücktrittsforderung nicht nachkommen.“ Unterschiedliche Auffassungen über sportpolitische Entscheidungen seien legitim, rechtfertigten aber keine Rücktrittsforderung gegen ein demokratisch legitimiertes Präsidium, das notwendige und möglicherweise unbequeme Entscheidungen treffe.

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Strukturreform: Berlin und Inzell als neue Zentren

Die geplante Reform sieht vor, die Bundeskader für Mehrkampf und Langstrecke in Inzell sowie für Sprint in Berlin zu bündeln. Die Stützpunkte Erfurt und Chemnitz sollen künftig „insbesondere im Nachwuchsbereich eine zentrale Rolle übernehmen“. Für viele Beteiligte kommt dies einer Degradierung gleich, insbesondere für Erfurt, das mit Jungstar Finn Sonnekalb das Gros der deutschen Starter bei den Olympischen Spielen in Mailand stellte.

Bereits auf der abgebrochenen Mitgliederversammlung im Mai 2025 in Berlin hatte Große die Konzentration auf Berlin und Inzell öffentlich gemacht. Er begründete dies mit Wünschen aus der Politik: „Natürlich werden wir um alle vier Stützpunkte kämpfen und wir werden vielleicht auch drei erhalten können, aber wir werden sicherlich einen verlieren. Hauptstadt und Inzell dürften gesetzt sein. Die CSU-Politiker wollen Bayern im Fokus sehen und die Berliner Politiker Berlin.“

Athleten unter Druck: Ultimatum zur Unterschrift

Der unmittelbare Auslöser für den Aufschrei aus Thüringen war ein Anschreiben zur obligatorischen Athletenvereinbarung, die bis zum 26. Juni unterschrieben werden muss, um den Kaderstatus zu behalten. Darin heißt es, man wolle „die Strukturen im Bereich Leistungssport schärfen“. Ab Juli 2026 soll das Training sämtlicher Kaderathletinnen und -athleten zentral in Inzell (Allround) und Berlin (Sprint) stattfinden. Terv-Vizepräsident Peter Rüberg spricht von einem „Wegholen der Kaderathleten“. Nach DESG-Angaben hatten mit Stand vom 22. Juni zwei Drittel aller Kaderathleten die Vereinbarung bereits unterschrieben.

Olympia-Starter Felix Maly schrieb in einem Brief an die Landesverbände und Vereine, die DESG habe den Athleten mitgeteilt, dass sie bei Nichtzustimmung ihren Kaderstatus und ihre Sportförderstelle bei Bundeswehr und Polizei verlören – und damit ihre Existenzgrundlage. „Leistungssport wäre dann nicht mehr ohne Weiteres möglich und das, obwohl die Leistung stimmt. Anstatt seine Athletinnen und Athleten zu unterstützen, setzt die DESG ihre Athletinnen und Athleten unter Druck und spielt mit den Karrieren junger Menschen“, so der 32-Jährige.

Die Verbandsspitze wies die Vorwürfe zurück. „Die DESG hat keinen unzulässigen oder persönlichen Druck auf Athletinnen und Athleten ausgeübt. Es ist allerdings möglich, dass die klare Benennung sportfachlicher Erwartungen, die Festlegung verbindlicher Trainingsstrukturen oder der Hinweis auf die Voraussetzungen des Bundeskaderstatus von einzelnen Beteiligten als Druck empfunden wurde“, erklärte Große über eine Anwaltskanzlei.

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Kritik von Athletenvertretern und Politik

Auch die Athletenvertretung „Athleten Deutschland“ übte scharfe Kritik. Der Erfurter Eisschnellläufer Hendrik Dombek, Präsidiumsmitglied von Athleten Deutschland, erklärte: „Athletinnen und Athleten dürfen nicht mit dem Verlust ihres Kaderstatus, ihrer Förderung oder ihrer beruflichen Absicherung unter Druck gesetzt werden. Solche Drohkulissen sind inakzeptabel und missachten jegliche Prinzipien guter Verbandsführung.“

Der für Sport zuständige Chef der Thüringer Staatskanzlei, Stefan Gruhner (CDU), zeigte sich in einem Schreiben an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) beunruhigt. Durch die Verlagerung des Trainings nach Inzell und Berlin würde der Standort Erfurt erheblich geschwächt und faktisch entwertet. „Eine solche Entwicklung ist sportfachlich kaum nachvollziehbar und trifft die Interessen zahlreicher Athletinnen und Athleten unmittelbar“, so Gruhner.

Die DESG verteidigte ihre Maßnahmen als notwendige Bündelung von Ressourcen. „Diese Bündelung bedeutet ausdrücklich nicht, dass andere Standorte aufgegeben oder aus der Verbandsarbeit ausgeschlossen werden. Ziel ist vielmehr eine klare Aufgabenteilung zwischen den Standorten und eine effizientere Nutzung der vorhandenen personellen, sportfachlichen und infrastrukturellen Ressourcen“, ließ Große mitteilen. Erfurt und Chemnitz blieben wichtige Bestandteile des Strukturkonzepts.