Erbschaften schwächen Deutschlands unternehmerische Dynamik
Erbschaften schwächen unternehmerische Dynamik in DE (09.07.2026)

Mit dem Börsengang von SpaceX ist Elon Musk am 12. Juni zum ersten Billionär der Welt geworden. Einige Tage später sprach ich mit einem der wichtigsten deutschen Business-Angels, der Anfang der 2010er-Jahre Musk bewunderte. „Selbstfahrende Elektroautos, wiederverwendbare Raketen, Internet für alle aus dem All, das waren die inspirierendsten unternehmerischen Projekte der Welt“, schwärmte er. Er selbst besaß einen der ersten Teslas des Landes.

Doch die Debatte über Musks Rekord konzentriert sich oft auf die schiere Größe der Zahl: Würde die Billion, Schein an Schein gelegt, bis zum Mond reichen (ja, mehr als 400-mal)? Welche Menschheitsprobleme ließen sich damit lösen (zehn Jahre die globale Bildungslücke schließen)? Es liegt nahe, den Rekord als Ausweis einer außer Kontrolle geratenen Vermögensungleichheit zu sehen – aber das ist der falsche Aufreger, gerade aus deutscher Sicht.

Musks volatiles Vermögen im Kontrast zu deutschen Dynastien

Musks Vermögen existiert nicht einmal auf dem Papier; es lebt im Bloomberg-Terminal. Flüchtiger geht es nicht. Alles steckt in seinen Unternehmen, die große Wetten eingehen. Wie volatil das ist, zeigte sich 2022, als er nach Forbes-Schätzungen bis zu 200 Milliarden Dollar verlor, weil die Tesla-Aktie in einem Jahr 65 Prozent ihres Werts einbüßte – nicht sein einziger Guinness-Weltrekord.

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Deutschland hat das gegenteilige Problem: Hier sind die großen Vermögen über Generationen festgemauert. Oben stehen seit über hundert Jahren dieselben Namen: Schwarz, Quandt, Klatten, Würth, Albrecht. Anders als bei Musk entzieht sich hier viel der Bewertung; die Listen sind oft nur ein Raten nach Zahlen.

Studien belegen: Erbe dominiert deutschen Reichtum

Ein Team am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung hat recherchiert, dass mehr als ein Drittel der Unternehmen hinter den gut tausend größten deutschen Privatvermögen vor dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde. Laut DIW verdanken drei von vier deutschen Hochvermögenden über 40 ihren Reichtum dem Erbe.

Der Reichtum in Deutschland ist meistens versteckt, statisch und spielt auf sicher: in Immobilien, Fonds, Private Equity. Wenig Wagnis, wenig gesellschaftliche Mission. Oder anders formuliert: zu viel Reichtum, zu wenig Unternehmertum.

Unsichtbare Macht der deutschen Vermögenselite

Auch wenn die Auseinandersetzung mit dem Vermögensrekord eher Schattenboxen ist, deckt sie doch etwas auf: Es gibt einen Moment, an dem Vermögen in politische Macht umschlägt. Elon Musk kontrolliert Meinungen sehr sichtbar über X, kaum jemand hat je so öffentlich in der Politik gewirkt wie er. Der Einfluss der deutschen Vermögenselite ist dagegen eher unsichtbar und entzieht sich der Debatte.

Für die Soziologin Isabell Stamm ist Reichtum weniger ein Kontostand als ein System aus Gesellschaften, Stiftungen und Beteiligungen. In Deutschland ist das Halten über Generationen hinweg zur eigentlichen Strategie der Vermögensverteidiger geworden.

Kritik an Musk lenkt von eigener Vermögenskultur ab

Es gäbe viele Gründe, sich darüber aufzuregen, dass ausgerechnet Elon Musk der reichste Mensch der Welt werden konnte: Immer weniger seiner Versprechen gehen in Erfüllung, er hat seltsame Vorstellungen von Fortpflanzung und Vaterschaft und sorgt sich mehr um die Menschheit auf dem Mars als um die auf der Erde. Von seiner Politik ganz zu schweigen.

Es gibt also viele Gründe, Musk zu kritisieren. Die Höhe seines Vermögens gibt jedoch eher Anlass zum Nachdenken über die Schwächen unserer eigenen Vermögenskultur. Seinen Tesla hat mein Freund vor zwei Jahren zurückgegeben.

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