Während der Fußball-Weltmeisterschaft sind Sportwetten allgegenwärtig – und das birgt erhebliche Risiken. Dr. Tobias Hayer, Leiter der Abteilung Glücksspielforschung an der Universität Bremen, beobachtet die zunehmende Werbung für Wettanbieter mit Sorge. Besonders junge Männer seien gefährdet, in die Abhängigkeit zu geraten. Der Psychologe erklärt, warum Sportwetten kein harmloser Zeitvertreib sind und wie sich eine Sucht äußert.
Werbung vermittelt falsches Bild
In einem aktuellen Werbespot eines großen Sportwettenanbieters ist ein junger Mann zu sehen, der melancholisch wirkt und dann rote Buchstaben auf einem Bildschirm liest: „Glaub dran und es wird wahr.“ Solche Clips vermitteln laut Hayer den Eindruck, ein Gewinn sei eine Frage der Einstellung – nicht des Glücks. „Werbung vermittelt das Bild, dass Wetten zum Sport dazugehört“, kritisiert der Experte. Vor allem junge Menschen kämen so erstmals mit Sportwetten in Kontakt.
Hohes Suchtpotenzial bei Live-Wetten
Studien zeigen, dass Sportwetten zu den riskantesten Glücksspielformen zählen. Laut dem Glücksspiel-Survey 2025 erfüllt etwa jede vierte Person, die an einer Live-Wette teilgenommen hat, die Kriterien einer Glücksspielsucht. Live-Wetten, bei denen während eines Spiels getippt wird, sind besonders gefährlich, da sie schnelle Entscheidungen und hohe Dynamik erfordern. Hayer betont: „Sportwetten bleiben Glücksspiel – auch wenn Werbung suggeriert, dass Fachwissen die Gewinnchancen erhöht.“
Junge Männer besonders gefährdet
Der typische Sportwettenabhängige ist laut Hayer „jung und männlich“. Junge Menschen neigten dazu, Grenzen auszutesten, und fühlten sich von riskantem Glücksspiel angezogen. Männer wetteten häufiger als Frauen, weil Sport – insbesondere Fußball – noch immer als männliches Hobby gelte und Männer eher zu kompetitivem Verhalten neigten. „Eine sportwettensüchtige Frau ist die Ausnahme“, so der Psychologe.
Digitalisierung erhöht Suchtgefahr
Der Sportwettenmarkt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Früher war das Angebot überschaubar, heute können Wetten bequem per Smartphone über Apps platziert werden. „Das ist die höchstmögliche Form von Verfügbarkeit“, sagt Hayer. Der Wegfall von Bargeld führe dazu, dass das Gefühl für Geld verloren gehe. Zudem lasse sich das Wetten per Smartphone leichter verheimlichen als der Gang ins Wettbüro. All dies trage dazu bei, dass Online-Wetten immer beliebter würden und junge Männer vermehrt Suchtgefahren ausgesetzt seien.
Hilfe für Betroffene und Angehörige
Angehörige könnten problematisches Spielverhalten oft nicht erkennen, da Betroffene es aus Scham verheimlichten. „Eine krankhafte Leugnung ist typisch für die Wettsucht“, erklärt Hayer. Wenn Warnsignale sichtbar würden, sei die Krankheit bereits manifest. Dennoch gibt es Hilfe: Mit dem Tool „OASIS“ (Onlineabfrage Spielerstatus) können sich Süchtige für Sportwetten sperren lassen. Hayer empfiehlt zudem Suchtberatungen als ersten Schritt zu einer ambulanten oder stationären Therapie. Auch Angehörige sollten sich Hilfe suchen, etwa bei Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen.



