Verdi-Chef verteidigt Streiks: Machen höhere Löhne die deutsche Wirtschaft stark?
Höhere Löhne für den Aufschwung – ist das wirklich möglich? Kann der Binnenmarkt die Wirtschaft einer Exportnation retten? Verdi-Chef Frank Werneke (58) rechtfertigte im Interview die wochenlangen Streiks im öffentlichen Dienst, zu denen Nahverkehr und Winterdienst gehörten, mit seiner Sorge um die deutsche Wirtschaft.
Werneke: „Ohne ordentliche Tariflohnentwicklung keine Erholung“
Frank Werneke betonte: „Ob es gelingt, Wohlstand in Deutschland zu sichern, ist die Frage des Binnenmarktes und damit natürlich auch nach Kaufkraft. Ohne ordentliche Tariflohnentwicklung kann es keine wirtschaftliche Erholung geben.“ Er erklärte, es sei falsch, „wenn die Gewerkschaften kleine Brötchen backen“, daher seien seine Forderungen bewusst „ambitioniert“.
Konsum in Deutschland wächst – ein positives Signal
Fakt ist: Im Jahr 2025 gaben die Menschen in Deutschland insgesamt 2370 Milliarden Euro für privaten Konsum aus. Das entspricht mehr als der Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung. Die Tendenz ist steigend, auch bedingt durch die Inflation. Die Ausgaben der Bürger spielen somit eine entscheidende Rolle bei der Wahrung und weiteren Erzeugung unseres Wohlstands.
Der größte Wachstumstreiber bleibt weiterhin der Binnenkonsum. Zwar ist die Exportquote in Deutschland sehr hoch und liegt nahe 50 Prozent, aber für das Bruttoinlandsprodukt zählt der Nettoeffekt, also Exporte minus Importe. Dieser liegt meist nur bei etwa fünf bis sieben Prozent des BIP. Generell ist wachsender Konsum ein wichtiges Indiz für Wirtschaftswachstum.
Ökonomen widersprechen: „Löhne sind Kosten!“
Ex-Wirtschaftsweisen-Chef Prof. Lars Feld (59, Universität Freiburg) stellt jedoch klar: „Löhne sind Kosten. Unternehmen investieren nicht, wenn die Arbeitskosten zu hoch sind.“ Mit Blick auf Wernekes Aussagen zur Bedeutung von Lohnerhöhungen sagte Feld, es sei erstaunlich, „dass sich solcher Unsinn über Jahrzehnte hält, nur weil eine bestimmte Interessengruppe daran hängt“.
Auch die Wirtschaftsweise Prof. Veronika Grimm (54, TU Nürnberg) äußerte sich kritisch: „Starke Lohnzuwächse wären aktuell ein Schritt in die falsche Richtung. Die Unternehmen investieren nicht, die Energiekosten und die Arbeitskosten sind hoch und das Arbeitsrecht zu unflexibel. Das macht den Standort unattraktiv.“
Feld warnt zudem, dass Unternehmen abwandern könnten: „Will man die aktuelle Wachstums- und Investitionsschwäche verschärfen, muss man übermäßig Löhne erhöhen und durchsetzen.“ Das bedeutet: So wichtig Konsum für die Wirtschaft ist, steigende Löhne können auch schädliche Auswirkungen haben und die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.
Die Debatte zeigt, dass Experten unterschiedlicher Meinung sind, ob höhere Löhne der Wirtschaft helfen oder schaden. Während Gewerkschaften auf steigende Kaufkraft setzen, betonen Ökonomen die Risiken für Investitionen und den Standort Deutschland.



