Mit Halstüchern über Mund und Nase schützen sich die deutschen Soldaten gegen den Staub, der überall auf dem Truppenübungsplatz Pabradè in Litauen liegt. Seit fast vier Wochen graben sie sich ein, durchkämmen das Gelände und trainieren die Verteidigung der Freiheit Europas. Die erste große Übung der neuen deutschen Litauenbrigade, genannt „Freedom Shield“, findet nahe der Grenze zu Belarus statt und ist ein entscheidender Test auf dem Weg zur Einsatzbereitschaft Ende 2025.
Signal der Abschreckung an der Nato-Ostflanke
Kommandeur Brigadegeneral Christoph Huber betont die Bedeutung des Manövers: „Es ist ein sichtbares Zeichen der Abschreckung an der Nato-Ostflanke.“ Mindestens zweimal jährlich sollen künftig Übungen dieser Größenordnung durchgeführt werden. Für die Übung stehen 75 Kampfpanzer und 70 Schützenpanzer zur Verfügung, um unter möglichst realen Bedingungen die Abwehr eines russischen Angriffs auf das Baltikum zu proben. 650 Lastwagen transportieren Waffen, Munition und Personal, und 350 Drohnen kommen zum Einsatz. Huber weist darauf hin, dass bereits mit sogenannter Loitering Ammunition trainiert wird, die die Brigade nächstes Jahr erhalten soll.
Lehren aus dem Ukrainekrieg
Leise surren Drohnen über den Kopf von Verteidigungsminister Boris Pistorius hinweg, der das Übungsgeschehen von einem Boxer-Radpanzer aus verfolgt. Die Drohnen werden in Richtung der Wälder gesteuert, wo niederländische und norwegische Nato-Kollegen die Angreifer spielen. Der erste Feindkontakt findet neuerdings immer unbemannt statt – eine der wichtigsten Lehren aus dem Ukrainekrieg. Pistorius und sein litauischer Amtskollege Robertas Kaunas loben, dass diese Erkenntnisse in das Manöver einfließen. „Freedom Shield zeigt, wie der Landkrieg der Zukunft aussehen wird“, sagt der deutsche Minister: „Ich bin echt beeindruckt.“ Er weist darauf hin, dass dennoch schweres Gerät gebraucht wird. Als der Leopard-Kampfpanzer scharf schießt, vibriert die Erde. Der Schützenpanzer Puma feuert leuchtende Salven ab.
Zusammenführung der Einheiten
Brigadegeneral Huber ist froh, seine verschiedenen Einheiten erstmals zusammenführen zu können. Dazu gehört die schon länger bestehende Nato-Battlegroup mit Soldaten aus sieben weiteren Ländern, die im Februar seiner Panzerbrigade 45 unterstellt wurde. Hinzu kommen das in Deutschland stationierte Panzerbataillon 203 aus Augustdorf und das Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach. „Jeder gemeinsame Tag im Gelände bringt Fortschritte“, sagt Huber: „Das Herstellen der Kriegstüchtigkeit bestimmt unseren Alltag.“ Seine Brigade soll spätestens Ende 2027 die volle Verteidigungsbereitschaft erreicht haben. Generalinspekteur Carsten Breuer hat für die gesamte Bundeswehr das Jahr 2029 als Ziel genannt, da westliche Geheimdienste Russland dann für einen Angriff auf ein Nato-Land gerüstet sehen. Huber betont jedoch: „Die Panzerbrigade 45 ist bereit, heute Nacht zu kämpfen.“
Herausforderungen bei der Aufstockung
Derzeit sind rund 2000 deutsche Soldaten in Litauen stationiert, knapp die Hälfte der geplanten 4800 Bundeswehrkräfte plus 200 zivile Angestellte. Die Truppe wirbt mit Schnupperaufenthalten für Familien, und die Konditionen wurden per Gesetz verbessert. Bisher speist sich das Personal aus Freiwilligen. „Alle um ihn herum sind Überzeugungstäter“, sagt ein Soldat. Da die Zahl mehr als verdoppelt werden soll, gibt es Berichte über mangelnde Bereitschaft im Heer. Russische Störaktionen gegen Satelliten der Bundeswehr gibt es bereits. Im Verteidigungsministerium rechnet man mit zunehmenden Sabotageakten, je weiter der Aufbau der Brigade voranschreitet. Pistorius will vorerst am Prinzip der Freiwilligkeit festhalten, schließt aber nicht aus, dass Kräfte mit speziellen Fähigkeiten wie ABC-Schutz, Logistik oder IT verpflichtet werden könnten.
Realitätsnahe Übung
Kampfhubschrauber schweben über dem Waldrand, in dem sich die gegnerischen Truppen verschanzen. Ein Eurofighter-Kampfjet aus Deutschland jagt in nur 40 Metern Höhe über die Köpfe der Soldaten hinweg. Der Ernstfall, der hier so realistisch wie möglich geprobt wird, scheint auf dem Truppenübungsplatz Pabradè sehr nah.



