Sicherheit im Auto: Werden Fahrzeuge wirklich für alle Körperformen entwickelt?
Sicherheit im Auto: Für alle Körperformen entwickelt?

Sicherheitsstandards im Auto: Werden Fahrzeuge noch immer primär für Männer konstruiert?

In Crashtests werden Automobile intensiv auf ihre Sicherheit überprüft. Doch stellt sich die Frage: Bieten sie allen Insassen gleichermaßen Schutz? Diese Debatte gewinnt an Bedeutung, wenn man bedenkt, wie oft alltägliche Bedienungselemente wie Infotainment-Displays für kleinere Personen schlecht sichtbar sind. Was im Cockpit nur nervig erscheint, könnte im Ernstfall schwerwiegende Folgen haben. Daher drängt sich die essentielle Frage auf: Sind Sicherheitssysteme in Fahrzeugen ursprünglich für männliche Körpermaße ausgelegt und schützen sie Frauen sowie andere Körperformen ebenso effektiv?

Gesetzliche Vorgaben und der "männliche" Dummy als Maßstab

Bevor ein Auto in der Europäischen Union die Typzulassung erhält, muss es gesetzlich vorgeschriebene Crashtests bestehen. Hier zeigt sich schnell ein Ungleichgewicht: Die UN-Regelung Nr. 94, die den klassischen Frontalaufprall regelt, schreibt explizit den Einsatz des "Hybrid III 50-Prozent-Mann" vor. Dieser Dummy repräsentiert einen durchschnittlich großen und schweren Mann und dient seit Jahrzehnten als gesetzlicher Standard. Eine weibliche Variante ist in dieser Regelung nicht verpflichtend integriert.

Erst die neuere UN-Regelung Nr. 137 ergänzt in einem anderen Crash-Szenario einen kleineren Dummy, den "Hybrid III 5-Prozent-Frau", der statistisch eine sehr kleine und leichte Person abbildet. Allerdings kommt dieser ausschließlich auf dem Beifahrersitz zum Einsatz, was klischeehafte Rollenbilder verstärkt. Im Seitenaufprall werden wiederum spezielle Dummies wie die EuroSID- oder ES-2-Familie verwendet, die als reine Messinstrumente fungieren. Trotz dieser technischen Neutralität bleibt der Eindruck bestehen: Der 50-Prozent-Mann dominiert als gesetzlicher Maßstab, während kleinere und leichtere Körperformen eine untergeordnete Rolle spielen.

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Biomechanik und die Unterrepräsentation bestimmter Körperformen

Sicherheit im Automobil ist weniger eine Frage des Geschlechts als der Biomechanik. Faktoren wie Größe, Gewicht, Proportionen, Muskelmasse und Sitzposition beeinflussen maßgeblich, wie Kräfte bei einem Unfall wirken. Studien, insbesondere aus den USA, weisen darauf hin, dass Menschen mit kleinerem und leichterem Körperbau, darunter häufig Frauen, ein erhöhtes Risiko für Schleudertrauma bei Heckaufprallen haben. In bestimmten Unfallarten wurden Frauen historisch betrachtet häufiger schwer verletzt.

Aktuelle europäische Daten bieten jedoch ein differenzierteres Bild. Mercedes-Benz analysiert seit Jahrzehnten reale Unfälle und kommt zu dem Schluss, dass bei schweren oder tödlichen Verletzungen keine signifikanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen feststellbar sind. Allerdings zeigen sich Abweichungen in den Verletzungsregionen: Frauen sind öfter an Beinen, Füßen und im Nackenbereich betroffen, während Männer eher Kopf- und Brustverletzungen erleiden. Eine systematisch schlechtere Schutzwirkung moderner Fahrzeuge für Frauen lässt sich daraus nicht ableiten.

Volvo hat mit der E.V.A.-Initiative reale Unfalldaten öffentlich gemacht, um die Sicherheitsforschung geschlechterübergreifend zu verbessern. Simulationen des Unternehmens verdeutlichen, dass sich kleinere Körper im Sitz anders bewegen als größere und dass Fahrzeugsitze je nach Dummy variabel abschneiden können. Dies unterstreicht: Es geht nicht um einen Konflikt zwischen Mann und Frau, sondern um anatomische Vielfalt. Moderne Fahrzeugarchitekturen schützen unterschiedlich gebaute Menschen deutlich gleichmäßiger als frühere Generationen.

Strengere Sicherheitsmaßstäbe über gesetzliche Vorgaben hinaus

Die Fahrzeugentwicklung orientiert sich heute längst nicht mehr ausschließlich an gesetzlichen Mindestanforderungen. Den eigentlichen Standard setzt Euro NCAP, ein freiwilliger und strengerer Crashtest, der von Herstellern angestrebt wird. Im aktuellen Frontalcrash-Protokoll kommen verschiedene Dummys zum Einsatz, die systematisch die Sitzpositionen wechseln und durch das Fahrzeug rotieren. Alle Hersteller hoffen auf eine 5-Sterne-Wertung, die nicht jedem gewährt wird.

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Dies zwingt die Automobilindustrie dazu, nicht nur einen bestimmten Sitzplatz für eine spezifische Körperform zu optimieren. Zusätzlich werden digitale "Menschmodelle", sogenannte Human Body Models, eingesetzt. Diese simulieren Muskeln, Knochen und innere Organe und bilden unterschiedliche Körperformen virtuell ab. Hersteller nutzen diese fortschrittlichen Modelle, um über die physische Dummywelt hinauszugehen und Verletzungswahrscheinlichkeiten umfassender zu bewerten.

Es ist ernüchternd, dass unterschiedliche Körperformen selbst im Jahr 2026 in den gesetzlichen Richtlinien nur am Rande berücksichtigt werden. Umso bedeutender ist, dass unabhängige Organisationen und Hersteller weiter fortgeschritten sind: In der Praxis gelten bereits strengere Sicherheitsmaßstäbe, als der Gesetzgeber verlangt.

Fazit: Sind Autos für alle gleichermaßen sicher?

Die Ausgangsfrage, ob Frauen im Auto schlechter geschützt sind, lässt sich ehrlich mit Nein beantworten, zumindest nicht systematisch. Zwar war der historische Maßstab männlich geprägt und die Gesetzgebung bleibt es teilweise, doch moderne Fahrzeuge werden heute mit mehreren Dummygrößen getestet, unter strengeren Kriterien als gesetzlich gefordert, und durch hochkomplexe Simulationen ergänzt. Der Mythos einer geschlechtsspezifischen Benachteiligung speist sich aus einer Zeit, in der der Durchschnittsmann tatsächlich das Maß aller Dinge darstellte. Diese Ära ist in der aktuellen Entwicklung weitgehend überwunden.

Dennoch bleibt die alltägliche Erfahrung, wie das halb verdeckte Infotainment-Display, das zeigt, dass "Standard" oft größer gedacht wird, als es vielen Menschen entspricht. Im Cockpit wird sofort sichtbar, wenn man nicht dem Durchschnitt entspricht. Im Crashlabor hingegen sieht man das glücklicherweise nicht. In Sachen Sicherheit werden inzwischen viele Körperformen mitgedacht. Ein Crash unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau, er folgt den Gesetzen der Physik. Und diese sollten für möglichst viele Menschen optimal funktionieren, um allen Insassen bestmöglichen Schutz zu bieten.