Bollewick: Ein Bioenergie-Dorf mit Vorbildcharakter
Die kleine Gemeinde Bollewick in der Müritz-Region hat sich zu einem echten Vorzeigeprojekt entwickelt. Seit nunmehr fast 15 Jahren versorgt sich das Dorf selbstständig mit Bioenergie und ist damit unabhängig von externen Strom- und Gasanbietern. Dieser Erfolg war jedoch keineswegs selbstverständlich, wie der ehemalige Bürgermeister Bertold Meyer im Rückblick deutlich macht.
Mühsame Überzeugungsarbeit am Anfang
Bertold Meyer, der bis 2019 das Amt des Bürgermeisters innehatte und die energetische Unabhängigkeit des Dorfes maßgeblich vorantrieb, erinnert sich an anfängliche Skepsis und enorme Hürden. „Ich hatte gedacht, das wird einfacher, weil es so offensichtlich ist. Aber es ist leider nicht so“, erklärt Meyer. Seine Überzeugungsarbeit gestaltete sich als wahre Herkulesaufgabe: „Ich bin ein Vierteljahr durch das Dorf gelaufen und habe mit etwa 60 Familien gesprochen. Pro Familie immer etwa drei Stunden. Nicht einmal, sondern mehrfach. Das war Wahnsinn.“
Doch die Mühe zahlte sich aus. Im Jahr 2011 unterschrieben schließlich 50 Familien Verträge, um die im Dorf erzeugte Wärme aus Biogasanlagen abzunehmen. Heute werden laut Meyer knapp 80 Haushalte in Bollewick durch zwei Biogasanlagen mit Wärme versorgt. Diese Anlagen erfüllen eine doppelte Funktion: Sie produzieren Strom, der ins allgemeine Netz eingespeist und vergütet wird, und gleichzeitig liefern sie Wärme für das lokale Nahwärmenetz, das die Häuser beheizt. „Jährlich sparen wir so 4.500 Tonnen CO₂“, resümiert Bertold Meyer stolz.
Regionale Wertschöpfung als Schlüssel zum Erfolg
Meyer betont das Konzept der regionalen Wertschöpfung, das für ihn zentral ist. „Das ist neben der Bürgerbeteiligung bei der Erzeugung und der Versorgung das Schlüsselthema. Wenn ich Bürger bei der Produktion und Verwertung der vor Ort erzeugten Energie beteilige und sie obendrein ihre Wärme günstiger bekommen als auf dem freien Markt, dann haben alle gewonnen und sind unabhängiger von schwankenden Weltmärkten“, erläutert der Ex-Bürgermeister. In der Nutzung erneuerbarer Energien sieht er ein enormes Wertschöpfungspotenzial für den ländlichen Raum.
Einer der beiden Betreiber der Biogasanlagen ist die Landwirtsfamilie van der Ham. Matthijs van der Ham erklärt: „Seit 2011 ist unsere Biogasanlage am Netz und produziert für rund 1130 Vier-Personen-Haushalte Strom, gleichzeitig ausreichend Wärme, um knapp 80 Haushalte, die Scheune Bollewick, die Landwerkstätten und die Kita in Bollewick zu beheizen.“ Für die Familie steht die lokale Wertschöpfung im Vordergrund, beginnend mit guten Arbeitsbedingungen für das Team. „Mich fasziniert es, wie Pflanzen und Technik zusammenwirken. Die biologischen, chemischen Prozesse können wir für uns nutzen, daraus Energie herstellen und das ohne Erdöl und ohne Erdgas“, so van der Ham.
Zukunftsaussichten und politische Herausforderungen
Die aktuelle Bürgermeisterin Antje Styskal lobt die Weitsicht ihres Vorgängers: „Das war ein Glück, dass Bertold Meyer so weitsichtig war. Da kann man sicher auch stolz drauf sein. Hier in Bollewick ist es der Wunsch von allen Beteiligten, dass es weitergeht, auch die Landwirte haben das so signalisiert.“ Matthijs van der Ham bestätigt: „Hier haben wir eine hervorragende Situation mit zwei Anlagen und einem Wärmenetz und die gilt es, weiter zu betreiben.“
Doch es gibt auch Herausforderungen. Anlagen, die älter als 20 Jahre sind, fallen aus der Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Ohne diese Fördergelder sind die Biogasanlagen nach 2030 wirtschaftlich kaum noch betreibbar. Styskal appelliert daher an die Politik: „Jetzt müsse sich die Landes- und die Bundespolitik darum kümmern, dass rasch Lösungen für die Biogasanlagen nach 2030 gefunden werden.“
Bertold Meyer zeigt sich erstaunt, dass nicht mehr Gemeinden dem Beispiel Bollewicks folgen. Sein Engagement, das einst belächelt wurde, hat sich in ein nachhaltiges Erfolgsmodell verwandelt, das nicht nur Unabhängigkeit, sondern auch erhebliche CO₂-Einsparungen bringt. Die Geschichte Bollewicks zeigt, dass mit Beharrlichkeit und Überzeugungskraft auch in kleinen Gemeinden große Energiewenden möglich sind.



