Kerosin-Krise in Schwedt: Droht Russland die Ölversorgung der PCK-Raffinerie abzuschneiden?
Schwedt/Berlin • Trotz einer offiziellen Entwarnung durch die Bundesregierung bleibt die Versorgung mit Kerosin in Deutschland weiterhin angespannt. Die jüngsten Drohungen aus Moskau könnten die Ölraffinerie PCK in Schwedt im Land Brandenburg direkt treffen, die eine zentrale Rolle bei der Belieferung des Hauptstadtflughafens BER in Berlin spielt.
Bundesregierung gibt Entwarnung – doch der Markt bleibt angespannt
Am Montagabend versicherten Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Verkehrsminister Patrick Schnieder in einer gemeinsamen Pressemitteilung, dass die Kerosin-Versorgung in Deutschland aktuell gesichert ist und keine Engpässe bestehen. Die beiden Christdemokraten hatten zuvor in einer virtuellen Beratung mit Vertretern der Luftfahrtbranche und Raffineriebetreibern die Lage erörtert. Allerdings räumte Reiche ein, dass der Markt angespannt bleibt, was sich auch an den steigenden Treibstoffpreisen deutlich zeigt. „Wir beobachten die Entwicklung engmaschig und behalten neben Treibstoffpreisen auch die Versorgungsstrukturen und die verfügbaren Raffineriekapazitäten im Blick“, betonte die Ministerin.
PCK Raffinerie in Schwedt: Zweitgrößter Kerosin-Produzent Deutschlands
Die viertgrößte Raffinerie Deutschlands befindet sich in Schwedt, nahe der deutsch-polnischen Grenze. Bei der Produktion von Kerosin, dem essenziellen Treibstoff für Flugzeuge, belegt die PCK Raffinerie sogar den zweiten Platz in der Bundesrepublik. Aus dem Umfeld der Raffinerie heißt es, dass PCK jährlich rund 450.000 Tonnen Kerosin liefert, wobei der Hauptstadtflughafen BER zu den wichtigsten Abnehmern zählt. Das Unternehmen bezieht sein Öl unter anderem aus Kasachstan, mit monatlichen Liefermengen zwischen 130.000 und 200.000 Tonnen.
Russische Drohungen und die Pipeline Rostock-Schwedt
Aktuelle Medienberichte deuten darauf hin, dass Russland zum 1. Mai die Durchleitung von kasachischem Öl zur Raffinerie nach Schwedt stoppen könnte. Der Brandenburger Bundestagsabgeordnete Christian Görke von den Linken warnte am Dienstagmittag vor einer „ernsten, ja dramatischen Situation für die Raffinerie PCK und die Energieversorgung für große Teile Deutschlands“. Er kritisierte scharf, dass sowohl die letzte als auch die aktuelle Bundesregierung bei der Ertüchtigung der Pipeline von Rostock nach Schwedt in den letzten vier Jahren kaum Fortschritte erzielt hätten. „Die Bundesregierung muss sofort nach Brüssel fahren und klar machen, dass das Genehmigungsverfahren endlich abgeschlossen werden muss“, forderte Görke.
Hintergrund: Eigentumsverhältnisse und neue Ölquellen
Die PCK Raffinerie gehört zu 54 Prozent deutschen Töchtern des russischen Staatskonzerns Rosneft, steht jedoch aufgrund des Ukraine-Kriegs unter Treuhandverwaltung und damit unter Kontrolle des Bundes. Nach dem von der Ampelregierung verhängten Importstopp für russisches Öl musste sich das Traditionswerk neue Ölquellen erschließen. Nach schwierigen Jahren mit geringerer Auslastung arbeitet PCK mittlerweile wieder mit einer Kapazität von etwa 90 Prozent und ist gut im Markt positioniert.
Globale Ölmärkte und deutsche Abhängigkeiten
Die weltweit größten Ölvorkommen befinden sich in Venezuela mit über 300 Milliarden Barrel, doch die Förderung dort ist aufgrund innenpolitischer Konflikte nahezu zum Erliegen gekommen. Zum Vergleich: Saudi-Arabien verfügt über rund 270 Milliarden Barrel, der Iran über etwa 210 Milliarden. Derzeit fördern die USA das meiste Öl und haben sich einen Marktanteil von 20 Prozent gesichert, während Saudi-Arabien bei etwa elf Prozent liegt. Laut dem Statistischen Bundesamt deckte Deutschland im Jahr 2025 nur 6,1 Prozent seines Rohölbedarfs aus dem Nahen Osten, hauptsächlich aus dem Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Israel. Waren im Jahr 2020 noch fast ein Drittel der Rohölimporte russischer Herkunft, so zählen heute Norwegen, die USA, Libyen und Kasachstan zu den Hauptlieferanten.
Fazit: Unsichere Zukunft für Schwedt und die deutsche Energieversorgung
Die drohende Unterbrechung der kasachischen Öllieferungen durch Russland stellt eine ernsthafte Gefahr für die PCK Raffinerie in Schwedt dar. Tausende Arbeitsplätze und die Energiesicherheit in weiten Teilen Deutschlands könnten auf dem Spiel stehen. Während die Bundesregierung die aktuelle Versorgung als gesichert betrachtet, bleiben die langfristigen Herausforderungen durch geopolitische Spannungen und infrastrukturelle Defizite bestehen. Die dringende Notwendigkeit, alternative Lieferwege wie die Pipeline Rostock-Schwedt zu stärken, wird immer deutlicher.



