Sonntagsöffnung in Waren: Existenzängste der Händler wachsen
Die sonnendurchflutete Warener Innenstadt füllt sich langsam wieder mit Leben, doch über den Geschäften schwebt ein Damoklesschwert. Die seit Jahren praktizierte Bäderregelung, die Sonntagsöffnungen in touristisch geprägten Orten ermöglicht, steht nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Greifswald auf wackligen Beinen. Für die ansässigen Händler wäre ein Wegfall dieser Regelung ein herber Schlag, der nicht nur den Umsatz, sondern auch das besondere Einkaufserlebnis am Sonntag gefährdet.
„Jeder Ladeninhaber sollte selbst entscheiden dürfen“
Claudia Bergmann, Vorsitzende des Warener Innenstadtvereins, bringt die Stimmung vieler Geschäftsleute auf den Punkt: „Das soll jeder Ladeninhaber doch bitte selbst entscheiden dürfen“. Die mögliche Aufhebung der Bäderregelung durch das Greifswalder Gericht würde bedeuten, dass sonntags die Ladentüren in der City geschlossen bleiben müssten – eine Vorstellung, die Bergmann und ihre Kollegen entschieden ablehnen.
Die größeren Ketten in Waren hatten und haben aktuell sonntags geöffnet, erklärt Bergmann. „Und meist auch die privaten Inhaber, die sich im Übrigen oft selbst ins Geschäft stellen. Das ist doch auch ein ganz anderes Einkaufserlebnis, wenn die Leute sonntags mehr Zeit haben als an den anderen Tagen.“
Mehr als nur Umsatz: Wertvolle Kundenbegegnungen
Von dem häufig zitierten Argument, der Umsatz würde sich lediglich auf andere Tage verschieben, hält Claudia Bergmann wenig. „Bei solchen Begegnungen mit den Kunden würde man oft viel intensiver darüber reden, wo der sprichwörtliche Schuh etwa bei Touristen drückt, aber auch Anerkennung erfahren.“ Die entspannte Sonntagsatmosphäre schaffe eine besondere Qualität im Kundengespräch, die an Werktagen oft zu kurz komme.
Die Kur-Klinik in Waren sei stets gut besucht, und viele Patienten nutzten den Sonntag für einen Bummel durch die Innenstadt. „Da kommen viele Leute, die sich gern in der Bummelmeile umsehen und in die Läden gehen und auch kaufen“, so Bergmanns Erfahrung. „Das kennt man doch aus eigenem Erleben. Sonntags sieht die Welt einfach entspannter aus.“
Ungleichbehandlung gegenüber Online-Handel und Supermärkten
Ein weiterer Kritikpunkt der Händler ist die wahrgenommene Ungleichbehandlung. „Online kann man 24/7 shoppen, und niemand sagt was. Und uns will man immer wieder auf die Finger schauen“, moniert die Vereinsvorsitzende. Auch Supermärkte, die seit der Corona-Pandemie nicht nur Lebensmittel, sondern auch Bekleidung, Werkzeug und mehr verkaufen dürfen, genössen Sonderrechte, die traditionellen Einzelhändlern verwehrt blieben.
Claudia Bergmann, die seit über 30 Jahren einen Blumenhandel in Waren betreibt, betont: „Sonntags zu öffnen, das sei für sie und ihre Angestellten normal. ‚Es hat auch immer Spaß gemacht‘.“ Die Mitarbeiter erhielten zum Ausgleich Freizeit oder zusätzliche Vergütung – eine Praxis, die sich bewährt habe.
Appell an die Politik: „Tourismusland muss handeln!“
Bislang habe sich noch kein lokaler Landespolitiker beim Innenstadtverein zu diesem Thema geäußert oder erkundigt, bedauert Bergmann. „Doch das ist ein Thema für die Politik“, ist sie überzeugt. Als Verein oder einzelne Händler könne man allein wenig ausrichten.
Mit deutlichen Worten richtet sie einen Appell an die Landesregierung: „Wenn die Ministerpräsidentin sich immer mit Sätzen äußert wie ‚MV ist Tourismusland Nummer 1‘ oder ‚Tourismus liegt uns in der DNA‘, dann muss von dort auch ein Veto eingelegt werden, damit es nicht dazu kommt, dass wir sonntags die Ladentüren nicht mehr aufschließen dürfen.“
Die Debatte um die Sonntagsöffnung in Waren zeigt exemplarisch den Spagat zwischen traditionellen Ladenöffnungszeiten und den Bedürfnissen einer touristisch geprägten Region. Für die Warener Händler geht es dabei um mehr als nur um Umsatz – es geht um die Bewahrung eines besonderen Einkaufserlebnisses und die wirtschaftliche Zukunft ihrer Geschäfte.



